Conspiracy Gain

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Conspiracy Gain

Beitragvon Tyger » 2. Apr 2020 20:11

Diese Story ist vor ca. 15 Jahren im Fanzine Solar-X erschienen; nun habe ich sie etwas aufgefrischt und präsentiere sie hier nochmal. Viel Spaß damit!


Conspiracy Gain

Rico ließ sich in der Flut durch die City treiben, in einer Flut von Menschen, dicken und dünnen, weißen und schwarzen, jungen und alten, kleinen und großen, vorbei an automatisch auf und zu gleitenden Türen, blinkenden und dröhnenden Auslagen und Werbung, unter dem steten starren Blick allgegenwärtiger Kameras – Big Brother is watching you – löste sich schließlich aus der Strömung und wich in eine Seitenstraße aus. Hinter einer Ecke überraschte ihn eine Polizeistreife, die seinen Ausweis verlangte. Wahrscheinlich war es verboten, diese Straße entlang zu gehen oder er hätte dafür irgendeine Gebühr zahlen oder etwas kaufen müssen - keep smiling, der Feind kennt deine Identität nicht, es wird nur Geld kosten. In seinem Ausweis stand natürlich nicht „Rico“, sondern sein sogenannter richtiger Name. Er hatte Glück und durfte weiter gehen – ganz umsonst; es war nur eine grundlose Kontrolle gewesen. Vielleicht hatten sie ihm auch angesehen, dass er kriminell war. Nicht nur, dass er zu Hause im Blumenkasten Hanf anbaute und die mickrige Ernte kiffte; er war auch ein Betrüger. Er hatte sich zu lange nicht um die Einspruchsfristen für unberechtigte Rechnungen gekümmert und deshalb reichlich Schulden. Die Info, dass so etwas bei ihm klappte, war schnell in großer Breite verkauft worden, und innerhalb weniger Monate schuldete er diversen Firmen, von denen er noch nie gehört hatte, mehr als dreißigtausend Euro. An ein gerichtliches Vorgehen war nicht zu denken, denn dass es so viele waren, denen er Geld schuldete, disqualifizierte ihn als unglaubhaft – außerdem hätte er sich sowieso keinen Anwalt leisten können.
Rico achtete auf die Straßenschilder und sah ab und zu auf die Uhr, um Zeit und Ort seines Auftrags nicht zu verpassen. Nicht, dass er damit Geld verdient hätte – es war ein Auftrag von 838. Sein Geld verdiente er mit anderen Dingen – indem er seine Briefkastenadresse zur Verfügung stellte, größere Mengen von Spam weiter leitete oder sich für Medikamententests zur Verfügung stellte. Ein paar Jahre lang hatte er sogar ernsthaft versucht, eine richtige, offizielle Arbeit zu finden, aber dafür war er irgendwie nicht geeignet. Auch wenn er selbstverständlich niemals alle Schulden und Zinsen bezahlen konnte, achtete er immer darauf, genügend Geld im Haus zu haben, wenn die Inkassounternehmen ihm ihre bezahlten Schläger ins Haus schickten.
Er hatte das Haus in der bezeichneten Straße erreicht und zog zwei Briefe aus der Jacke, einen für Meyer und einen für Novack, und steckte sie über Kreuz in die Briefkästen, den für Meyer bei Novack und den für Novack bei Meyer, dann ging er eilig weiter. Es begann zu regnen, er schloss die Jacke und schlug den Kragen hoch. Dann betrat er eine Einkaufspassage, tauchte wieder ein ins Gewühl, blieb vor einem Regal voller Fernseher stehen, sah Nachrichten und Zusammenhänge. Um 8 Uhr 38 war ein Regionalzug entgleist und von einer Brücke gestürzt, auf den täglichen Rush-Hour-Stau einer vierspurigen Straße. Unter den Opfern waren zwei prominente Politiker. Durch einen landesweiten Systemausfall war die Post für zwei Tage lahm gelegt; ab morgen würde der Postversand voraussichtlich wieder funktionieren. Die für mehrere Milliarden gekauften Raketen der Bundeswehr erwiesen sich als nicht flugfähig. Was unglaubhaft ist, das glaube nicht – ein Grundsatz der Matrix. Er ging weiter, begegnete Blicken von Menschen und Kameras in inflationärer Anzahl, bedeutungslos durch ihre schiere Menge. Nur Sie können die Welt retten! Ein Joint wäre jetzt nicht schlecht. Oder eine von diesen Pharma-irgendwas-Kapseln, die er letztes Jahr getestet hatte. Davon ging sein Vorrat aber zur Neige, Nachschub gab es nur auf Rezept und ein Arztbesuch war ihm zu teuer.

***

Benno ließ das Fenster seines Wagens herunter, fotografierte die Graffities an den Wänden, ließ den Fotoapparat schnell verschwinden und stieg aus, die Baseballkappe tief in die Stirn gezogen. Zielstrebig ging er den Vorstadtparkplatz unter der Hochstraße ab und brachte mit einem Stück Kreide halb runde Markierungen an den Pfeilern, den Wänden und dem Boden an, warf einen kurzen abschließenden Blick darauf und stieg wieder in den Wagen. Er gab Gas und verschwand im Verkehrsgewühl, verließ die Stadt und hielt auf einem Waldparkplatz. Dort steckte er ein paar gefälschte Münzen in den Parkscheinautomaten neben dem großen Schild, auf dem stand, was im Wald alles verboten war, und begann seinen Dauerlauf. Er hielt sich fit und trainierte regelmäßig, denn seine gute Kondition war vermutlich der einzige Grund dafür, dass es Leute gab, die sich für ihn interessierten, ihn brauchten. In den überfüllten Korridoren des Sozialamts, zwischen Schweißgeruch und Raucheratem, hatte ihm jemand einen Brief zugesteckt, einen kleinen, unscheinbaren in einem gelblichen Umschlag. Ein ominöses Anwerbungsschreiben einer Organisation namens V-V, wobei eines der Vs ebensogut eine römische 5 sein konnte – oder vielleicht auch beide. Von Geld war keine Rede – aber wie hätte er so etwas ablehnen können? Also hatte er einfach seinen ersten Auftrag erfüllt und einen Brief aus dem Ausland umkuvertiert und anonym weitergeschickt. Vermutlich war er jetzt ein Terrorist. Er hatte sogar schon einen weiteren Mann angeworben, einen der türkischen Jungs, mit denen er Straßenkampf mit und ohne Messer trainierte – natürlich ohne dass der wusste, woher das kam. Er stellte fast, dass es ihm eine überraschende Befriedigung verschaffte, etwas über einen anderen zu wissen, was der andere über ihn selbst nicht wusste. Oder hatte ihm die Organisation doch etwas über ihn, Benno, gesagt? Unwahrscheinlich, er selbst bekam nie Informationen.
Schweißnass kam er wieder auf dem Waldparkplatz an. Ein kleiner fetter Stadtpolizist starrte ihn mit boshaften Schweinsäuglein an, um herauszufinden, ob er verbotener Weise ein Blatt abgepflückt oder etwa gar einen Hund unter der Jacke versteckt hatte, belästigte ihn aber nicht.

***

„Einer von uns wird heute sterben, Johnny!“ Der Typ im schwarzen Hemd griff nach seinem Colt, die Werbung wurde eingeblendet und Rico schaltete um.
„Es wird uns alle verschlingen!“ Das Monster sabberte und die Asche von Ricos Joint fiel auf sein T-Shirt. Mit THC-Gelassenheit wischte er sie zur Seite und ärgerte sich auf fröhlich darüber, dass sein Bong ihm letzten Monat herunter gefallen und zerbrochen war und er sich noch immer keinen neuen besorgt hatte. Ob wohl Aliens mit 838 zu tun hatten oder genetisch veränderte Superwissenschaftler, die den Eingang in die hohle Welt gefunden hatten?
„... internationale Zusammenarbeit im Krieg gegen das Böse ...“ Er hatte versehentlich auf den Nachrichtenkanal geschaltet, zappte zurück auf den Film. Nach einem Schokoriegel, der glücklich macht, wiederholte der Typ im schwarzen Hemd seinen coolen Satz und zog den Colt, während in einem zweiten Bildfenster das sabbernde Monster auf Rico zu stürzte. Er sehnte sich nach einem neuen Auftrag, nach einem jener Lichtblicke, die seinem Alltag irgendeinen unverständlichen Sinn gaben. Ob er wohl süchtig danach war? 838-süchtig? In einem der beiden Bildschirmfenster explodierte etwas und hinter ihm klingelte das Telefon. Nach drei Klingelzeichen antwortete es für ihn und eine computergenerierte Stimme bestellte ihm Urlaubsgrüße von Tante Sophie aus Mallorca, die er um 16:15 Uhr zurück rufen sollte. Er sprang auf, drückte den Rest der Tüte in den Darth-Vader-Aschenbecher und starrte auf das verblassende Display, auf dem fast nichts mehr zu erkennen war – das Telefon war fast zwei Jahre alt und er würde bald ein neues brauchen. Die Nummer war nicht übermittelt worden, aber das mit den Grüßen von der Tante hatte er natürlich verstanden. Dafür hatte er fünf A4-Seiten mit Codes auswendig gelernt. Er steckte das verwaschene Mallorca-T-Shirt in die Hose (war es Zufall, dass er das gerade trug oder beobachteten sie ihn?) und zog seine Jacke über. I'll be back. Er hoffte stets darauf, dass er irgendwann tiefer in die Organisation einbezogen werden, andere persönlich kennen lernen würde, vielleicht sogar seine Auftraggeber.

***

Jaroslav war klein, dünn, blass und nervös. Ab und zu, eigentlich sogar ziemlich oft, überlief ihn ein Zittern. Dass er obendrein abstehende Ohren hatte, machte die Assoziation mit einem Rehpinscher perfekt. Er war Programmierer, aber nach zehn Jahren Dauerstress und 16-Stunden-Arbeitstagen verbraucht und zu planmäßiger Arbeit nicht mehr fähig. Um sich das nötige Geld zum Leben zu verschaffen reichte es immer noch - und der Sinn seines Daseins bestand jetzt aus der Society. Für sie hatte er einen Umschlag mit einer Speicherkarte ins Cafe Happy zu bringen, zum hintersten Tisch, wo ein Mann sie um 16:15 abholen sollte, der unter seiner braunen Jacke ein Mallorca-T-Shirt trug. Jaroslav war zu spät dran, keuchend rannte er die Straße entlang und stellte sich vor, was wohl passieren mochte, wenn er den Mann verpasste. Verdammt, er war auf den öffentlichen Verkehr angewiesen und der Bus war nicht gekommen, sollte wohl einen Unfall gehabt haben – was konnte er denn dafür? Wenn man ihn nun ausstieße, er nie wieder von der Society hörte? Sein chronisches Zittern verstärkte sich. Keuchend und schweißgebadet erreichte er das Cafe um 16:17. Der Geruch von Raumerfrischer und die Töne ununterscheidbarer Charthits lagen in der Luft. Das Cafe war halb leer, aber ausgerechnet der hinterste Tisch war von einem schwulen Pärchen besetzt, das sich im Halbdunkel knutschte; keiner der beiden trug ein Mallorca-T-Shirt. Dann entdeckte er den Mann in dem T-Shirt an der Bar, seine braune Jacke hatte er über den Barhocker gehängt, auf dem er saß. Bis auf sein fast schulterlanges Haar sah der Mann unauffällig aus. Was sollte er tun? Schließlich sollten sie sich nicht treffen und nun sah ihm der Mann bereits entgegen! Noch immer keuchend und zitternd tat er, als wolle er sich auf den benachbarten Barhocker setzen, und versuchte dabei den schweißfeuchten Umschlag dem Mann blitzschnell zuzuschieben und sofort zu verschwinden. Dabei stieß er ein halb volles Bierglas um, das Bier ergoss sich über den anderen Mann, der aufsprang und dabei seinen Barhocker umstieß. Jaroslav sprang zurück und brachte per Dominoeffekt auch die übrigen drei Barhocker zu Fall, im Stolpern versuchte er sich an der Bar festzuhalten und schickte ein weiteres Glas nebst einer Kaffeetasse zu Boden. Alle im Cafe starrten auf das polternde, klirrende Chaos, jemand begann schallend zu lachen, die Bedienung fluchte. Panisch verließ Jaroslav das Cafe, verfolgt von dem anderen Mann, der ihm nach schrie: „He, warte!“
An der nächsten Ecke hatte er ihn eingeholt. „Ich ... ich weiß von nichts!“ stotterte Jaroslav. „Ich ...“
„Verdammt, ich will doch nur wissen, wo das her kommt,“ sagte der andere beruhigend.
„Ich weiß nichts, ich habe sie auch nur ...“
„Okay, okay, ich würde einfach nur gerne ein bisschen mehr tun; ich bin doch jetzt lange genug dabei, oder? Kannst du das weiter geben?“
„Ja ... ja gut, mach ich. Wenn ... wenn du dafür für dich behältst, was da gerade ...“
„Versprochen.“
Noch immer ließ der Mann ihn nicht in Ruhe, sondern drückte ihm einen Zettel in die Hand. „Da steht meine Adresse drauf und die eines toten Briefkastens. Falls mal was ist. Lern es auswendig und vernichte den Zettel!“
Wortlos und überrascht steckte Jaroslav den Zettel ein und wollte endlich gehen.
„Und du?“ hielt der Andere ihn zurück.
„Was ich?“
„Willst du mir deine Adresse nicht geben?“
Verdammt – war das gut, so etwas zu tun? Er konnte doch nicht wissen ... Aber dafür hatte er von dem anderen auch ...
Er fummelte eine mürbe Visitenkarte mit ausgefransten Rändern aus seinem Portemonnaie und gab sie hin, dann rannte er davon.

***

Lulu zupfte ihre Netzstrümpfe zurecht und kontrollierte im Spiegel ihr Make-up, dann schaute sie in den Terminkalender. Noch fünfzehn Minuten bis zum Nächsten. Scheiße, das wurde heute knapp mit den Terminen, und sie konnte bei den nächsten Beiden noch nicht einmal drängeln, weil das gut zahlende Stammkunden waren. Lulu war heute nicht gut drauf, weil sie sich gestern mit ihrer Freundin verkracht hatte – ihrer Ex-Freundin. Die dumme Schnalle war partout nicht fähig, etwas aus ihrem Leben zu machen, und sie hatte ihr deshalb endlich die Meinung gesagt. Seit Wochen, ja schon, seit sie aus der Schule heraus war, ging sie mit ein- und demselben Typen und kassierte dafür noch nicht einmal Geld von ihm! So hässlich war sie doch weiß Gott nicht! Die ganze Clique lachte sich halb tot über sie. Wenn die Böcke sie ficken wollten, sollten sie doch dafür zahlen, mit der Zeit gewöhnte sie sich auch an die alten und hässlichen – alles kein Problem! Als sie ihr gestern statt dessen allen Ernstes erklärt hatte, sie wolle sich von ihrem Typen schwängern lassen, war Lulu einfach der Kragen geplatzt. Okay, vielleicht hatte sie ein wenig übertrieben; Geld war schließlich nicht alles, Einfluss war genauso viel wert. Deshalb hatte sie sich ja von dieser Geheimgesellschaft anwerben lassen. Das war gar kein schlechtes Geschäft: Die besorgten ihr Kunden (sie sprach lieber von Kunden als von Freiern – das klang seriöser) und sie besorgte ihnen dafür Mitgliedskandidaten – also einfach jene Art von Typen, die nur darauf warteten, dass irgendwer daher käme, der ihrem Dasein irgendeinen Sinn geben könnte. Und es war ja nicht gerade so, als müsste man die suchen.

***

Linda lehnte sich schnaufend in den zerschlissenen Sessel zurück und griff nach der Schokoladentafel auf dem Tisch. Versehentlich wischte sie ein paar der voluminösen Krimis vom Tisch, die zwischen den Liebesromanheften lagen. Sie war während des romantischen Films eingedöst und hatte im Halbschlaf sehnsüchtig von einem großen düsteren bärtigen Einbrecher geträumt, der sie vergewaltigte. Seufzend stemmte sie ihre 130 Kilo aus dem Sessel und hob stöhnend die Romanhefte wieder auf. Die Leute, die meinten, so viel Übergewicht sei nicht gesund, mochten ja recht haben, aber die vielen chronischen Leiden, die sie sich zugelegt hatte, waren immerhin eine Entschuldigung dafür, ein Sozialfall zu sein; sie fühlte sich damit besser als all die anderen. Die Chancen, die sie nicht hatte, konnte sie ja nicht ergreifen, weil sie schließlich immer krank war. Außerdem hatten Süßigkeiten den Vorteil, billiger zu sein als Lebensmittel. Davon abgesehen achtete sie ja darauf, sich gesund zu ernähren; sie wählte die Schokoriegel aus, die wegen ihrer vielen Nüsse und Vitamine sowieso unverzichtbar für eine gesunde Ernährung waren und unter den süßen Frühstücksflocken die besonders ausgewogenen und gehaltvollen. Bedächtig ihr Doppelkinn massierend ließ sie sich am Computertisch nieder, um Zeitungsbuchstaben auszuschneiden (ja wirklich, so altmodische Dinge!), automatische Telefonate zu versenden, E-Mails umzuleiten und was auch immer ihre Organisation sonst noch erforderte. Es war so romantisch, eine eigene Geheimorganisation zu leiten, auch wenn sie nicht wirklich etwas Sinnvolles tat. Dabei war es nicht einmal ihre eigene Idee gewesen, sondern die jener Communitas11, von der sie allerdings schon lange nichts mehr gehört hatte. Vermutlich war ihre Organisation Teil eines weltweiten wichtigen Netzwerks, ohne das wahrscheinlich schon längst ein Atomkrieg statt gefunden hätte oder etwas ähnlich Schlimmes. Und es war seltsam – je länger sie ihre Organisation führte, desto sicherer wusste sie immer genau, was sie zu tun hatte, sobald sie sich an den Schreibtisch setzte. Vermutlich arbeiteten sie mit Gedankenübertragung. Sie kam vor lauter Arbeit kaum noch dazu, ihre schmuddelige kleine Wohnung zu putzen, die bereits unangenehm zu riechen begann, obwohl sie immer mehr Arbeiten an andere übertrug und die Organisation theoretisch sogar schon ohne sie funktionieren konnte. Aber eigentlich störte sich auch niemand am Zustand ihrer Wohnung – sie bekam keinen Besuch, denn sie kannte ja niemanden.

***

Benno wich einer Handgranate aus, die der Kerl in der Rüstung nach ihm warf, ging hinter einem Mauervorsprung in Deckung und tauschte die MP gegen die Bazooka. Ein einziger Schuss riss den Kerl mitsamt seiner Rüstung in Fetzen und Benno drückte die Pausentaste. Er hatte all seine Shooter schon x-mal durch gespielt und sollte sich mal wieder einen neuen besorgen.
Ein „you-have-mail“-Fenster poppte auf. Er kannte den Absender der Mail nicht, aber er enthielt das doppelte V und der Inhalt der Mail war klar: „Wenn es nicht regnet, treffen wir uns am Wochenende auf dem Sportplatz.“
Benno entschlüsselte die Mail. Er hatte noch Zeit, packte ein paar Scheiben auf seine Langhantel und begann mit dem Training, begleitet von hämmerndem Thrash-Metal.
Später machte er sich auf den Weg zum „Sportplatz“, jenem Parkplatz, der Gegenstand seines letzten Auftrages gewesen war. Er war jedoch gesperrt, die ganze Straße war gesperrt, eine ganze Menge Polizei und Feuerwehr leitete den Verkehr um. Benno parkte ein Stück entfernt und ging zu Fuß hin. Wie er von ein paar neugierigen Umstehenden erfuhr, war ein LKW von der Straße abgekommen und ungebremst in den Parkplatz gebrettert. Der hatte sich in einen großen qualmenden Schrotthaufen verwandelt, in dem die Überreste der einzelnen Autos kaum noch voneinander zu unterscheiden waren. Ein paar Tote hatte es wohl auch gegeben. Benno sah aus der Entfernung, dass der Lastwagen sich genau entlang seiner Kreidemarkierungen bewegt und genau an der markierten Stelle gegen den Pfeiler der Hochstraße geprallt war.
Was wurde aber jetzt aus dem Auftrag? Eigentlich sollte er seinen Wagen dort abstellen, verlassen und aus der Ferne beobachten. Jemand würde ihm etwas unter den Wischer stecken.
Ein unscheinbarer Mann von etwas schlampigem Aussehen fiel ihm auf, der zwanzig Meter entfernt stand und nicht neugierig, sondern unschlüssig auf den Parkplatz schaute. Er würde das Notfallprocedere mit dem Passwort versuchen.

***

Unschlüssig griff Rico in die Jackentasche, wo der verschweißte Antistatikbeutel mit den vier Chips raschelte, auf die wohl irgendeine spezielle Programmierung gebrannt war. Er hätte ihn unter den Scheibenwischer eines grauen VW klemmen sollen, dort drüben auf dem verwüsteten Parkplatz. Ein Mann in einer schwarzen Lederjacke kam auf ihn zu, ein ziemlich breiter, muskulöser Typ, der aussah wie einer der „bösen Jungs“ aus einem Comic. Vielleicht war er ein Cyborg. Rico griff mit der Rechten in die Innentasche seiner Jacke, nach dem Elektroschocker.
Der Typ sprach ihn an: „Achtdreiacht.“
Rico antwortete mit vorsichtiger Erleichterung: „Doppel-V.“
„Ich habe einen grauen VW.“
„Okay.“ Rico gab ihm den Beutel mit den Chips.
Der breite Typ steckte den Beutel ein und blieb stehen. Nach ein paar Sekunden fragte er: „Wo kommt das Zeug her?“
Rico dachte kurz nach und kam zu dem Schluss, dass niemand ihm verboten hatte, ihm das zu sagen. Und vor allem, dass er selbst gern mehr wissen wollte, im Austausch sozusagen.
„Habe ich bei einer Firma abgeholt.“
„Und einfach so gekriegt?“
„Ich war angekündigt. Und was machst du damit?“
„Sie in der Nähe einer Firma abliefern, bei einer Frau, die zur Nachtschicht geht.“
„Und weiter?“
„Nichts weiter. Und bei dir?“
„Auch nichts weiter.“
Sie trennten sich ohne ein weiteres Wort. Rico hielt das für das Beste und hoffte, nicht schon zu weit gegangen zu sein. Es wäre ganz sicher nicht ratsam, es sich mit der Gruppierung zu verderben. Wer konnte wissen, ob sie nicht ohnehin seine Gedanken scannten – ab und zu hatte er das Gefühl, nicht allein in seinem Kopf zu sein.

***

Sorgfältig hängte Yvette ihren grauen Mantel an den Haken, als sie von ihrem täglichen Friedhofsspaziergang heimkehrte. Mit Bedauern konstatierte sie, dass sie sich bald einen neuen Mantel kaufen musste, denn seit sie sich von Licht ernährte, hatte sie abgenommen – möglicherweise machte sie etwas falsch dabei. Ihr graues Gesicht, das ein wenig an das einer Spitzmaus erinnerte, zeigte sich im Spiegel ziemlich eingefallen; vielleicht sollte sie doch ein paar mehr von den Kleinigkeiten essen, die sie sich gelegentlich zusätzlich genehmigte. Allerdings müsste sie dazu öfter einkaufen gehen und mit Ausnahme ihrer geliebten Friedhofsspaziergänge ging sie nicht gern aus dem Haus. Aber vielleicht kam ihr ungesundes Aussehen auch nur daher, dass sie nach ihrem letzten Leben lange Zeit ein Vampir gewesen war – das merkten schließlich auch die anderen Menschen, gingen ihr deshalb aus dem Wege und belauerten sie, wo immer sie sich sehen ließ.
Sie ging in ihr kleines Zimmer mit Einbauküche und zog die dunkelgrauen Vorhänge vor das einzige Fenster. Bei dem Gedanken an die Verschwörung der anderen Menschen triumphierte sie im Geiste. Sie war ihnen ebenbürtig und konnte sich jederzeit für alle Verfolgung und Missachtung rächen, denn sie war selbst Teil einer einflussreichen, bedeutenden Geheimorganisation und von ihrer eigenen Wichtigkeit darin überzeugt – auch wenn sie nicht gerade aus eigenem Antrieb zu der Mitgliedschaft gekommen war. In den ersten paar Monaten hatte sie ihre Aufträge per Brief erhalten und dann sogar einen der Kuriere kennen gelernt, nachdem sie sich zwei Wochen lang hinter der Haustür bei den Briefkästen versteckt hatte, jeden Tag Stunden lang. Nachdem sie ihm ihre große Bedeutung für die Organisation klar gemacht hatte, verriet er ihr seine Adresse und sogar seine Telefonnummer. Seitdem leitete sie selbst Aufträge an ihn weiter, die sie direkt von den Außerirdischen erhielt, welche sie channelte. Sie tat das an jedem zweiten Dienstag und jedem 27. des Monats sowie zu Neumond und Ostern, weil an diesen Tagen die Hyperraumtore am weitesten geöffnet waren, wie sie aus der Nummerologie ihrer Adresse errechnet hatte.
Mit knacksenden Gelenken setzte sie sich in ihren abgewetzten Meditationsstuhl und schaltete die alte schwarze Schreibtischlampe mit der 15-Watt-Glühbirne ein. Auf ihrer mechanischen Schreibmaschine tippte sie das aktuelle Briefing (solche Worte hatte sie extra gelernt) für den nächsten Auftrag, dann zog sie den Bogen von der Walze und drückte den „Streng vertraulich“-Stempel vom Bürowaren-Discounter darauf.
Sie entschied sich dafür, den Brief im toten Briefkasten auf dem Friedhof zu deponieren; das Haus des anderen Agenten zu oft aufzusuchen war sicherlich zu gefährlich.

***

Linda packte das Päckchen mit den bestellten Krimis aus und entdeckte, dass man ihr ein weiteres Buch geschickt und berechnet hatte. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie wegen des nicht bestellten Buches reklamieren sollte, entschied aber dann, dass der Aufwand wegen eines Buches nicht lohnte. Außerdem sah es gar nicht so uninteressant aus, es ging irgendwie um Systeme und die menschliche Gesellschaft und schien unterhaltsam geschrieben zu sein, außerdem waren Bilder drin – vielleicht hatte man es ihr geschickt, weil es auch mit Verschwörungen zu tun hatte.
Aus der Küche holte sie sich die Dinge, die sie zum Lesen brauchte: Zwei Stück von der Eistorte im Gefrierschrank mit viel Schlagsahne darauf und eine Nullkommavierlitertasse voll heißer Schokolade, dick und süß und ebenfalls mit viel Schlagsahne darauf. Nach dem ersten Löffel Schlagsahne schlug sie das Buch auf. Es handelte von sozialen Systemen vom Verein bis hin zum Publikum von Massenveranstaltungen und deren sich entwickelnder Eigendynamik. Ein Wort, das „Egregor“ hieß, wurde erklärt. Es bezeichnete die entstehende nichtmaterielle Wesenheit, die auf der Menge der beteiligten Menschen lief wie ein Computerprogramm auf einer bestimmten Hardware. Die Hardware hatte mit dem Programm eigentlich nichts weiter zu tun als sozusagen dessen materieller Körper zu sein. Dann wurde die Frage behandelt, ob sich ein solcher Egregor nicht sogar von der „Hardware“ lösen konnte.
Linda stieß eine Folge kurzatmiger Seufzer aus und aß ein paar große Happen Eis mit Sahne, dazu kurz entschlossen noch einen auf dem Tisch wartenden Schokoriegel. Obwohl das Buch leicht verständlich und bebildert war, strengte es an, den schwierigen Stoff zu verstehen. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und las weiter.
Den beteiligten Menschen war in der Regel nicht bewusst, dass sie nicht nach ihrem eigenen Willen, sondern dem des Egregors handelten. Es folgten Beispiele dafür, wie Egregore Dinge verursachen konnten, die so gut wie kein einzelner Mensch wollte und eine Abhandlung der Frage, ob es richtig sei, einen Egregor als Dämon zu bezeichnen, die Linda ihrer Kompliziertheit wegen überflog.
Sie legte das Buch auf den Tisch und leerte den Eisteller und die Schokoladentasse, dann legte sie sich in dem weichen Sessel zurück und überlegte, ob sie sich nicht lieber um ihre Organisation kümmern sollte. Da passierten inzwischen so viele Dinge, die sie nicht verstand, sie erhielt die Ausführung von Anweisungen bestätigt, die sie gar nicht gegeben hatte, und Meldungen von Mitgliedern, die sie überhaupt nicht kannte. Wenn das so weiter ging, verlor sie noch den Überblick.
Sie döste ein und träumte von dem Typ mit den Metallzähnen aus den alten James-Bond-Filmen, der in einem düsteren Verlies über sie her fiel.

***

„... nur geeinigt und solidarisch können wir alle Herausforderungen ...“
Ein Fadenkreuz legte sich über das Gesicht des Politikers auf dem Bildschirm, Benno zielte sorgfältig, der Typ bückte sich nach seinem Papierstapel, richtete sich wieder auf, gab wieder Blabla von sich, kam wieder genau ins Ziel des Videoshooter-Programms auf Bennos Bildschirm, mit dem er irgendwelche Personen aus dem Fernsehprogramm abschießen konnte.
Peng! Das Gesicht des Typen fror ein, mit einem comichaft unrealistischen Loch in der Stirn, Pixelblut spritzte. Nochmal mit Dauerfeuer hinterher: Rattattattat!
Na bitte, das sah schon besser aus. War aber, verdammt nochmal, wieder nicht echt. Noch nicht echt. Benno stand auf und bearbeitete mit den Fäusten den Sandsack, der hinter ihm im Zimmer hing. Den Agenten am „Sportplatz“ hatte er letztens bis nach Hause verfolgt, was gar nicht so einfach gewesen war; offenbar war der Typ gewohnt, Verfolger abzuhängen. Klar – so unauffällig, wie der aussah, musste er es ziemlich dick hinter den Ohren haben. Er würde ihn demnächst einmal vorsichtig kontaktieren. Vom Monitor schwafelte jetzt theatralisch eine Frau mit zurück gestecktem Haar. „... Vertrauen der Bürger ... Finanzhaushalt ... Steuerausfälle ...“ Blablabla.
Dauerfeuer. Rattattattat ... Benno wollte etwas tun. Irgendetwas Sinnvolles. Das Pixelblut verschwand, das Fernsehprogramm lief weiter. Nachrichten, Wetterbericht: „ ... ein Hoch über der norddeutschen Tiefebene ...“
Benno zuckte zusammen wie unter einem elektrischen Schlag. Hoch über Tiefebene – das stand für: Bestätigung. Ausführung genehmigt. Dass die Organisation Einfluss auf das Fernsehprogramm hatte, überraschte ihn nicht.

***

Charly Brown rieb seine tief liegenden roten Augen und goss sich einen weiteren Whiskey ein, den billigen Bourbon aus dem Aldi. Wieder einmal hatte er elf Stunden am Stück im Internet verbracht. Als er damals noch versucht hatte, per Internet Arbeit zu finden, hatte er sich das angewöhnt. Nach ein, zwei Jahren hatte er sich die Arbeitssuche ab- und den Whiskey angewöhnt, zusätzlich zur Internet-Sucht. Er hatte nichts Vernünftiges gelernt, bloß das Handwerk seines Vaters, und hatte dessen kleinen Handwerksbetrieb übernehmen sollen. Dass ein großer Konzern das Grundstück wollte, auf dem die Firma stand und Vater nicht verkaufte, war einfach Pech gewesen. Dumm gelaufen. Sie hatten rudelweise Abmahnexperten auf ihn gehetzt, bis die kleine Firma bankrott gewesen war und Vater sich umgebracht hatte.
Charly hatte seinen Namen von damals fast vergessen und musste aufpassen, sich nicht zu versprechen, wenn er ihn offiziell benutzte. Seit er Mitglied der Armée Mal war, hieß er Charly Brown. Er war über das Internet dazu gekommen und hatte schon Seitenverbindungen und Spezialgruppen wie 838 und V-V ausgemacht. Eine Reihe von Aktenordnern voll Codes und geheimer Mitgliederlisten stand hinter ihm im Regal, darunter ein voller Fünfliterkanister Benzin und eine Schachtel Streichhölzer für den Notfall. Gestern erst hatte er eine Anleitung zur Herstellung von Brand- und Sprengstoffen aus Supermarktrohstoffen von einer Darknetseite kopiert, die heute schon nicht mehr existierte. Über das ganz normale Internet schickte er eine Mail voll Geschwätz über Wetter und Fernsehprogramm an Jaroslav. Jaroslav sollte die codierten Anleitungen an Rico und LNA weiter leiten.
Die vielen Stunden am Computer machten ihn schläfrig, Charly Brown konnte kaum noch klar denken. Er beschloss, schlafen zu gehen und goss sich den Rest aus der Whiskeyflasche ein. Das Senfglas blieb halb leer. Er würde wohl wieder nicht wach werden, falls seine Kontaktperson einen Auftrag ablieferte – noch nie war ihm das gelungen. Anfangs hatte er seine Aufträge ausschließlich von LNA per Brief mit einem Innenumschlag aus Alufolie oder codierter E-Mail bekommen, später kam es immer häufiger vor, dass morgens ein manchmal mehrseitiger Brief mit detaillierten Anweisungen einfach auf seinem Tisch oder gar Nachtschrank lag, obwohl Türen und Fenster geschlossen und unbeschädigt waren. Die Armée Mal hatte verdammt gute Leute. Umso mehr erfüllte es ihn mit Stolz, dass er durch diese von Hand geschriebenen Briefe, in einer Schrift, die seiner eigenen verblüffend ähnelte, im Laufe der Zeit immer höher befördert und mit immer mehr Befugnissen ausgestattet wurde. Er, Charly Brown, war etwas! Mit einem hasserfüllten Blick aus dem Fenster auf den Betonklotz mit dem Logo jenes Konzerns ging er zu Bett.

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Internetforum

838 geschrieben von Pirat
-Wem das was sagt, der melde sich bei mir. Per Mail.
Re: 838 geschrieben von Blak Bastart
-dass iss ne Zahl, die bestet aus zwei 8en unt ner 3 in der mite
ReRe: 838 geschrieben von Big Bang
-Einem wie Dir wird sich der tiefere Sinn nie erschliessen.
ReReRe: 838 geschrieben von Blak Bastart
-selber dof!
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Pirat beantwortete zufrieden die erhaltenen drei Mails mit ungefährlichen Infos und gab eine Briefkastenadresse an. Natürlich würde er die neuen Kandidaten gründlich abchecken; das Internet bot schließlich genügend Möglichkeiten dafür.

+++ drogeriemarkt +++ montag 09:00 +++

Eilig packte Rico die 10 Flaschen Abflussreiniger zu den anderen 20 in den Kofferraum, die er in zwei verschiedenen Drogeriemärkten in der Nachbarstadt gekauft hatte. Die anderen Komponenten würde er woanders besorgen. Zum Schutz vor den Kameras trug er einen breitkrempigen Hut.

+++ friedhof +++ mittwoch 16:30 +++

Vorsichtig zog Yvette das in braunes Packpapier eingewickelte Paket hinter dem verrosteten Eisengitter der alten Gruft hervor. Es war ungewohnt schwer.

+++ seitenstrasse +++ zeitpunkt geheim +++

Im Gebüsch des Parks versteckt betätigte Benno sorgfältig die Fernsteuerung der Drohne, die zielsicher auf ein bestimmtes offenes Fenster in dem Bürohaus zu flog. Es war ein großes Modell mit einer Tragfähigkeit von fast einem ganzen Kilo, natürlich illegal, aber darauf kam es auch nicht mehr an.

+++ schulhof +++ freitag 12:00 +++

„Hey, was is'n das da für'n Scheiß auf dein' T-Shirt, das V-V?“
„Das is' in, Alter!“
„Kenn' ich nich', die Marke! Wo gibts'n das?“
„Hab' noch paar, scheißteuer besorgt!“
„Echt? Was willst'n dafü...“ „Lass dich nich' verscheißern, du Arsch, die kriegste an jeder Ecke!“
„Paar auf's Maul, oder was?“

+++ stark abschüssige hauptstrasse, oberes ende +++ samstag 00:01 +++

Charly Brown hatte ein Auto, aber keinen Führerschein mehr. Eigentlich auch kein Auto mehr – welcher Wagen hielt schon noch länger als acht oder neun Jahre? Jetzt stand der Schrottwagen vollgetankt und mit Sprengstoff gefüllt auf der Anhöhe, deren unteres Ende jenes Konzerngebäude abschloss. Als gestohlen gemeldet hatte ihn Charly Brown schon gestern, jetzt brauchte er nur noch die Zündung einzuschalten, die Handbremse zu lösen und zu verschwinden.

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ntv-Nachrichten:
„... ereignete sich eine Serie von Unfällen, deren Ursachen teilweise noch ungeklärt sind. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund ...“
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Linda verstand das alles nicht mehr. Es sollte doch so romantisch sein und überhaupt ... und nun taten alle Dinge, mit denen sie selbst gar nichts mehr zu tun hatte. Das durften sie doch gar nicht, es war doch ihr Geheimagentenspiel, sie mussten ihr gehorchen! Nun, sie war immer auf der Seite der Guten gewesen, also musste sie jetzt etwas gegen das Böse tun. Natürlich konnte sie schlecht zur Polizei gehen und Anzeige erstatten, denn die würden sie bestimmt selbst ins Gefängnis stecken – so ungerecht war die Welt! Also würde sie kleine Präsente verschicken, nette kleine Likörfläschchen und Pralinen, die statt Alkohol Gift erhielten. Sie war selbst überrascht, wie schnell ihre Agenten ihr die tödliche Substanz besorgen konnten – natürlich nicht diejenigen, die die Präsente bekommen sollten. Während sie eifrig damit beschäftigt war, alles mit Geschenkpapier und bunten Schleifen hübsch zu verpacken, erschien plötzlich ein Textfenster auf dem Schönes-Deutschland-Hintergrundbild mit der hübschen Landschaft, mit einer Schrift darauf: Lass das bleiben und halte dich von jetzt an raus!
Dabei war der PC doch gar nicht online! Wie seltsam! Sie machte das Fenster zu und packte weiter, keuchend und schwitzend wegen der Aufregung und der Gummihandschuhe. Ich soll mich raus halten, so eine Unverschämtheit, dachte sie empört. Spionieren sie mich jetzt etwa schon aus? Ein Fläschchen fiel ihr herunten, schwer keuchend bückte sie sich danach, wobei ihre Fettpolster ihr die Luft abdrückten. Sie schnappte, quiekte, spürte plötzlich ein Stechen in der linken Brustseite und griff im Umfallen verzweifelt nach einem Tischbein, nach Kabeln ...
Das letzte, was sie sah, war der auf ihr Gesicht zu kippende Bildschirm des großen 40-Zoll-Monitors, auf dem stand: Du hättest es lassen sollen!

***

Der Asphalt bekam breite Risse und niemand wusste, wieso. Vielleicht erprobten die Hohlweltler von innen eine neue Waffe, vielleicht runzelte Gäa auch nur die Stirn; die Ökos erzählten etwas von Grundwasser. Yvette hatte die Nacht auf dem Friedhof verbracht und beobachtet, wie ein Grabstein umstürzte und jemand aus der Erde stieg. Kinder mit 838-, Armée Mal- und Society-T-Shirts liefen die Straße entlang und spielten mit Plastikpistolen, die wie echt aussahen oder umgekehrt. Jemand kickte einen Totenschädel über die Straße. Im Internet gab es Videos aus Schlafzimmer und Bad einiger Minister zum Download.
Ein Finanzvertreter mit einem Schläger im Schlepptau drängte Jaroslav in eine Einfahrt und versuchte ihn zu einer Unterschrift zu zwingen. Sie hatten Benno nicht gesehen. Den Schläger überraschte er mit einem Tritt in die Eier und brach ihm mit einem zweiten Tritt den Kiefer; den Typ im Anzug überließ er ein paar applaudierenden Passanten.
Die Dinosaurier sind nicht ausgestorben, stand in zehn Metern Länge an einer Fassade. Rico hatte es schon immer gewusst. Ein paar hundert Autos blieben stehen, weil jemand ein paar Säcke Zucker in einen Tanklaster voll Superbenzin geschüttet hatte. Auf ein paar Fernsehkanälen waren plötzlich die Hintergründe dessen zu sehen, was sonst gezeigt wurde, die hintersten, tiefsten; niemand wusste, auf wessen Anweisung. Wer keine der beiden neuen Grippen hatte und Blut hustend am Boden lag, war auf den Straßen. Am roten Himmel tröteten Engel mit dicken Backen in ihre Posaunen und fielen in Gestalt von Flugzeugen auf die Stadt. Das Heer wurde mobilisiert, war aber nicht organisiert einsatzfähig – also wurde alles, was sich bewegte, zum Abschuss frei gegeben. Wo keine Überlebenden mehr zu finden waren, gingen schwer bewaffnete Antifa-Banden dazu über, sich gegenseitig umzubringen.
Benno fand, dass das echte Fadenkreuz viel schwieriger auf das Ziel zu bringen war als das auf dem Bildschirm. Dafür war das Blut nachher echt.
Im Radio lamentierte jemand über unverständliche Entwicklungen und nicht konkret fassbare Gegner.
Ob die vierzigtausend Liter Gift in der Kanalisation sich legal in dem explodierten Chemiewerk befunden hatten, danach fragte niemand mehr.
Lulu ließ sich gern fesseln. In zwei Hälften geschnitten zu werden gefiel ihr weniger, weil sie hinterher nichts mehr von dem verdienten Geld haben würde – das hatte sie mit „tabulos“ nicht gemeint. Aber wenigstens narkotisierte der Typ sie vorher.
Irgendwer rief ein deutsches Kaiserreich aus, ein anderer eine Republik Sachsen. Eine bankrotte Firma wurde von einer Sekte übernommen und baute eine Arche Noah aus Eurocontainern und LKW-Motoren. Mit TÜV-Abnahme.
Charly Brown hatte einen Lastwagen voll Whiskey gekapert, denn der würde sicher bald nicht mehr zu kriegen sein. Der Anblick all der vielen Flaschen bewirkte Wundersames: Endlich ein Grund, noch lange leben zu wollen – so lange, bis das Zeug alle war!
Ob die Tollwutepidemie sich von den Fledermäusen auf die Menschen übertrug oder umgekehrt, wusste niemand genau zu sagen, aber alles sprach für Letzteres.
Yvette fragte die Außerirdischen, was sie von all dem hielten, ausnahmsweise am Freitag, weil sie zwischen den Anfällen von Raserei nicht mehr viel Zeit hatte; sie wischte sich dazu extra den Schaum vom Mund. Die Antwort verstand sie nur noch teilweise:
„Auf jedem Boden wächst genau die Saat, die darauf gedeiht.“
Die Außerirdischen drückten sich immer so schwer verständlich aus.

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