Die Kunst des Gärtners

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Die Kunst des Gärtners

Beitragvon Tyger » 3. Jun 2017 21:14

Mal wieder eine Story, die schon länger unveröffentlicht auf meiner Festplatte herumliegt:



Die Kunst des Gärtners

Milchig leuchteten die Blütenblätter heller Teerosen im Licht des zunehmenden Mondes, dessen Sichel hoch am Junisternenhimmel stand und das Laub der Büsche silbrig schimmern ließ. Ein durchdringender, fast giftig anmutender Blütenduft lag schwer in der Luft. Kaum hörbar raschelte das Gras unter Olivers Füßen. Seine schwarze Kleidung ließ ihn mit der Dunkelheit verschmelzen, als wäre er schon nicht mehr von dieser Welt und nur noch als Geist unterwegs. Oliver mochte diesen Park; er gehörte zu den wenigen schönen Dingen, die es für ihn gab auf der Welt. Auf einer Lichtung zwischen Jasmin- und Rhododendronbüschen machte er Halt, setzte sich in das weiche Gras und sah zum Mond hinauf.
Es war ein schöner Ort zum Sterben. Er zog ein Fläschchen aus der Jackentasche. Er wusste, dass es sich nicht gehörte, sich zu vergiften, um in aller Stille und ohne jeden Unterhaltungseffekt für die Welt zu sterben. Aber Selbstmord war ohnehin unanständig. Im Alter von 19 Jahren musste man Spaß haben wollen; in diesem Alter fing das lebenslange Sterben schließlich erst an, das die Leute Leben zu nennen pflegten. Er schraubte das Fläschchen auf und stellte sich vor, wie seine sterblichen Überreste unter den blühenden Büschen vielen kleinen Tieren und den Büschen selbst zur Nahrung dienen würden. Natürlich wusste er, dass das nicht wirklich geschehen würde, weil eine Leiche im Park niemandem zuzumuten war; man würde ihn wegräumen und entsorgen.
Ein Geräusch schreckte ihn plötzlich auf, etwas wie ein leises, freundliches Knurren, dann sah er die Schnauze eines schwarzen Hundes vor sich – oder eines Wolfs? Mehr verblüfft als erschrocken sah er in bernsteingelbe Augen und erhob sich langsam. Konnte es hier Wölfe geben? Im Park?
Als er aufrecht stand, hatte er den Wolf noch immer in Augenhöhe vor sich, denn dieser hatte sich ebenfalls auf einem Körper von menschlicher Gestalt erhoben.
Oliver starrte ihn an. Er hatte keine Angst – schließlich hatte er nichts zu verlieren – sondern war einfach nur verblüfft. Mit einer Geste bedeutete der Wolfsmensch, ihm zu folgen und wandte sich um, doch bevor er einen Schritt tun konnte, schälte sich noch jemand aus dem Dunkel zwischen den Büschen. Dieses Wesen schien noch bizarrer, denn obwohl ebenfalls von menschlicher Gestalt, trug es auf dem Kopf zwei lange geschwungene Hörner. Der Neuankömmling beugte sich zu dem Wolf hinüber und redete leise raunend mit ihm, worauf dieser sich entfernte, dann trat er vor Oliver hin. Der Hörner wegen hatte er eine Art von Ungeheuer erwartet, etwas, das gängige Dämonenklischees bediente, aber was er sah, war eher eine sympathische Karikatur auf volkstümliche Teufelsvorstellungen. Oder einfach nur der Kopf eines mehr oder weniger normalen Ziegenbocks auf einem bepelzten menschlichen Körper. Das spöttische Lächeln, das dem Gesichtsausdruck von Ziegen ohnehin zu eigen ist, vertiefte sich.
Dann tat das Wesen den Mund auf: „Hilfst du mir bei der Gartenarbeit? Die Sonne geht schon bald auf!“ Er wies auf einen blaugrauen Schein am Horizont.
Die Spannung der absurden Situation entlud sich in einem schallenden Gelächter Olivers. Prustend brachte er schließlich hervor: „Entschuldige – aber ich musste gerade an die Redewendung denken: Den Bock zum Gärtner machen!“
Sein Gegenüber nickte und deutete auf einen Haufen von Spaten, Schaufeln, Hacken und sonstigem Gerätschaften, der mitten auf dem Rasen lag. „Ich bin nicht beleidigt. Aber wir haben es eilig.“
Oliver wurde wieder ernst. „Wieso?“
„Es gibt ein Problem. Sieh mal!“
Eine schwarz schillernde Flüssigkeit, die einen stechenden Geruch verströmte, floss langsam einen Weg entlang und begann sich über die blühenden Rabatten auszubreiten. Der Park erschien Oliver anders als er ihn in Erinnerung hatte – aber dies war die geringste der Seltsamkeiten.
„Was ist das für ein Zeug?“ fragte er. „Umweltverschmutzung? Hat da irgendwer etwas abgelassen oder ausgekippt?“
„Sozusagen. Du musst es kanalisieren und ein paar Pflanzen zuleiten, die es vertragen und abbauen können. Du erkennst das System des Gartens?“
Bevor er verneinen konnte, erkannte er, was der seltsame Gärtner meinte. Der ganze Garten bildete ein sorgfältig zusammengestelltes System, das ineinander griff wie die Zahnräder eines Getriebes – und genau das war es, was ein uneingeweihter Betrachter einfach als die Schönheit dieses Gartens wahrgenommen hätte.
„Ich hatte bisher keine Ahnung, dass ein Garten etwas ...“ Er brach erstaunt ab und suchte nach Worten, bevor er fortfuhr: „... etwas derart Kompliziertes ist.“
„Schönheit ist so etwas wie eine mathematische Funktion“, grinste der Gärtner. „Sie ist niemals Selbstzweck, auch wenn es so scheint. Du solltest dich jetzt übrigens an die Arbeit machen!“
Oliver packte einen Spaten und machte sich ans Werk. Die Blüten der Stauden, welche bereits in der schwarzen Flut standen, hingen schon welk herab. Eilig stieß er den Spaten ins Erdreich, leitete um, kanalisierte, schaufelte Gräben und errichtete kleine Dämme aus Erde, Grasnarbe und Steinen. Er erkannte, welche Pflanzen mit dem schwarzen Zeug auf welche Weise fertig werden konnten, die einen schnell, die anderen gründlich, sich ergänzend mit wieder anderen. Sie trugen Blüten mit Fünf- oder Sechssternen im Zentrum, und Bäume waren da, deren zierliche Stämme in ihrem Wuchs geometrischen Mustern folgten. Blütenduft kämpfte gegen den scharfen Geruch der schwarzen Flüssigkeit, und wo sie an der falschen Stelle versickerte, hob er die Erde aus, verteilte sie an die richtigen Stellen, ordnete alles um zu neuen Mustern und bemerkte erstaunt, wie die Pflanzen sich wie im Zeitraffer veränderten und Triebe und neue Blüten bildeten, während alte verholzten oder welkten. Längst war heller Tag und die Sonne brannte auf ihn herab – und als ihm endlich einfiel, sein Hemd bei der schweren Arbeit auszuziehen, bemerkte er, dass leuchtendes Abendrot auf ihn herabschien und die Sonne schon wieder tief über dem Horizont stand. Er stieß den Spaten in den Boden und ging zu dem Gärtner hinüber, dessen prächtiges Gehörn in der Abendsonne wie von selbst zu glühen schien.
„Hey!“ rief er ihm zu. „Wann gibt es endlich etwas zu essen und zu trinken, wenn du mich schon allein hier schuften lässt und dir einen schönen Tag machst?“
Der Angesprochene wandte sich ihm zu und schenkte ihm erneut ein spöttisches Grinsen. „Hast du denn Hunger oder Durst?“ fragte er.
Oliver sah ihn erstaunt an und antwortete schließlich verblüfft: „Nein. Aber wieso ... Ich habe den ganzen Tag gearbeitet!“
„Nun, dann mach einfach weiter“, lautete die freundliche Antwort.
„Wieso ich allein?“ fragte er, jetzt ärgerlich. „Warum tust du nichts?“
„Weil es dein Garten ist. Ich habe schon genug getan.“
„Was ist überhaupt so wichtig an diesem verdammten Garten, dass ich einen solchen Aufwand treiben soll, um ihn zu retten?“
„Er ist schön. Gefällt er dir nicht?“
„Ja, okay, er ist schön. Aber es gibt Unmengen von Gärten auf der Welt und man kann jederzeit wieder einen neuen anpflanzen!“
„Aber nicht diesen. Jeder Garten ist einzigartig. Und es hat eine ganze Weile gedauert, bis er soweit war. Jahr um Jahr, bis die Blütenpolster den Boden bedeckten und die Bäume und Sträucher groß genug waren.“
„Besonders gepflegt sieht er nicht aus! Sieh doch dort hinüber, da ist der Zaun kaputt und irgendwelche Tiere haben die Blütensträucher verwüstet. Die Bäume auf der anderen Seite hat man so übel verschnitten, dass sie eingegangen sind und nur noch faule Stümpfe stehen, und in den Baum vor uns hat der Blitz eingeschlagen.“
„Und trotz allem ist es ein schöner, gedeihender Garten geworden. Ein Grund mehr, ihn zu erhalten, oder?“
Olivers Blick fiel auf die beiden Hälften des vom Blitz gespaltenen Baumes, die am Boden liegend weiter und wieder nach oben wuchsen, dabei neue Wurzeln schlagend. Auf diese Weise erreichte der Baum eine seltsame Art von Größe und Umfang, die er auf normalem Wege kaum erreicht hätte. Und auf den faulen Stämmen der eingegangenen Bäumchen wucherten prächtige Pilze, während ringsum frische Triebe aus den noch lebendigen Wurzeln sprossen.
„Vielleicht hast du recht“, sagte er schließlich. „Ja, es wäre schade darum.“ Nach einer Pause fragte er: „Was ist, wenn in einem Garten gar nichts wächst? Kein Strauch, kein Baum, kein Gras?“
Der Gärtner lachte: „Dann versuch es mit Kakteen, mit Moosen oder Pilzen! Irgendetwas wächst überall, selbst in der Wüste!“
Oliver machte sich wieder an die Arbeit, während die Sonne unter- und der Mond aufging, grub, hackte, pflanzte, wühlte in der Erde, gruppierte Pflanzen, Erde und Steine um und bemerkte erleichtert, dass der schwarze Fluss verschwand, ohne größere Schäden anzurichten. Als erneut der Morgen dämmerte, ging er wieder zu dem Gärtner hinüber, der seinen Platz vor der Gruppe von Blütensträuchern noch immer nicht verlassen hatte; er schien dort Wurzeln schlagen zu wollen. Wieder schien es, als wären es seine Hörner, die die Sonne anstrahlten statt umgekehrt.
„Wie sieht es eigentlich mit Schlafen aus?“ fragte er ihn. „Ich habe 24 Stunden durchgeackert!“
„Das hast du gut gemacht. Bist du denn müde?“
„Ich wusste, dass du das fragen würdest. Nein, bin ich nicht! Aber das ist doch nicht normal!“ Und mit einem Blick auf den schwarzen Wolfsmenschen, der ein gutes Stück entfernt noch immer reglos stand und ihn beobachtete, fügte er hinzu: „Und wer ist das überhaupt? Auch ein Gärtner?“
„Nein, ein guter Freund von dir.“
„Wieso kenne ich ihn dann nicht? Und wieso ignorieren wir ihn dann einfach?“
„Nun, er ist nicht aufdringlich, aber er ist immer in deiner Nähe. Es macht ihm nichts aus, zu warten; er ist es auch gewohnt, ignoriert zu werden. Nun geh wieder an deine Arbeit.“
Wieder nahm er das Werkzeug, kleineres diesmal für die Feinarbeiten, arbeitete weiter, atmete den Geruch von frischer Erde und seinem eigenen Schweiß und fragte sich, wie er eigentlich dazu gekommen war, obwohl er doch eigentlich ... Was war es überhaupt, was er in diesem Garten vorgehabt hatte? Er konnte sich nicht daran erinnern, obwohl es doch erst ...
„Gut gemacht.“ Der Gärtner klopfte ihm auf die Schulter. Die schwarze Flüssigkeit war weg und der Garten wieder gesund. „Nun kannst du wieder gehen.“ Er führte ihn zu dem Gebüsch zurück, an dem er gewartet hatte und von dem sie anfangs gekommen waren.
„Bekomme ich nicht wenigstens eine Belohnung?“ fragte Oliver, der zumindest mit einer Erklärung für das bizarre Geschehen gerechnet hatte.
„Die hast du schon.“ Diesmal war das Bocksgesicht ernst. „Aber du bekommst trotzdem noch etwas von mir. Du wirst es brauchen und du hast es dir auch verdient.“
Erwartungsvoll sah Oliver auf die Hand, die sein Gegenüber hob und die eher wie die Pranke einer Großkatze aussah. Doch er öffnete sie lediglich und streckte lange spitze Krallen aus.
„Hey, Ziegenböcke haben keine Krallen!“ stieß Oliver erschrocken hervor.
„Ich bin ja auch kein Ziegenbock!“
Mit diesen Worten schlug er ihm seine Pranke mit einem so heftigen Schlag quer über die Brust, dass er rückwärts ins Gras stürzte ...
und in der Kühle der Morgendämmerung erwachte, feucht vom Morgentau. Ein Insekt krabbelte eilig von seinem Hals, als er sich bewegte. Er brauchte einige Augenblicke, um sich zu orientieren und festzustellen, dass er allein war. Stöhnend erhob er sich in eine sitzende Position. Oh, verdammt, das alles war ein Traum gewesen, der verrückteste und lebendigste Traum, den er je gehabt hatte! Dann durchzuckte ihn die Erinnerung an das Letzte, was er getan hatte: Er hatte das Gift ausgetrunken bis auf den letzten Tropfen; das leere Fläschchen glänzte neben ihm im Gras und er konnte sich noch genau an den Geschmack erinnern. Es war unmöglich, dass es noch am Leben war; die Dosis hätte für ein Pferd gereicht. Er stand auf, zitternd und mit weichen Knien, aber er stand. Hatte das Gift bei ihm anders gewirkt, war es für den Traum verantwortlich gewesen? Ob er es noch einmal versuchen sollte? Bei diesem Gedanken spürte er plötzlich einen brennenden Schmerz auf der Brust. Eilig knöpfte er sich das Hemd auf und sah auf vier tiefe blutige Risswunden, die sich über seine Brust zogen. Plötzlich waren ihm die Gespräche mit dem Bocksköpfigen wieder gegenwärtig und er verstand plötzlich. Er sah auf und erkannte das System des Gartens, der doch so anders aussah als der in seinem ... Traum? Und er erkannte so viele weitere Systeme in der Welt, die so einfach waren, dass er sie bisher nie bemerkt hatte.
Er lachte laut, einfach in den Morgen hinein. Dann machte er sich auf den Weg, um einen Garten zu bestellen. Aus dem Augenwinkel nahm er vage eine schwarze Wolfsgestalt wahr, die ihn schweigend begleitete und Zeit zum Warten hatte.

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Re: Die Kunst des Gärtners

Beitragvon gabor » 3. Jun 2017 22:24

Etwas konstruiert, aber schön.....und wahr.
Immer bereit!
Woher soll ich wissen, ob die Vergangenheit keine Fiktion ist, die nur erfunden wurde, um den Zwiespalt zwischen meinen augenblicklichen Sinneswahrnehmungen und meiner Geistesverfassung zu erklären?
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Lebensweisheit: Silencium est Aureum!


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