Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

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Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon khezef » 5. Dez 2016 21:01

Guten abend ihr Kuchen

Da wir vor einer Weile das Thema „Arzneientwicklung“ mal im Chat angesprochen hatten, dachte ich mir ich schreibe dazu mal etwas ausführlicher, wie das ganze genau abläuft.

Es gibt grundsätzlich einmal ein recht einheitliches internationales Schema, welchem die meisten Länder (vor allem Japan, die EU und Nordamerika) für die Entwicklung und Vermarktung folgen und so auch von den verantwortlichen Behörden (Etwa die FDA oder EMA) gehandhabt wird.
Bild
Dazu hat jedes Land meist noch so ein bisschen seine eignen regulatorischen Feinheiten, aber der Einfachheit halber bleibe ich mal beim Schema wie oben abgebildet.

Wie man am Bild schon ablesen kann, ist es keine sehr günstige Sache ein Medikament auf den Markt zu bringen und dauern tut es ebenfalls. Das mag auch zwischen den unterschiedlichen Kategorien variieren, ein Hustensäftle ist da etwas leichter zu handhaben als etwa eine neue Krebstherapie oder Impfung. Je heikler und schwerwiegender, desto höher an sich auch die Kosten und benötigte Zeit, da mehr Testhürden und Auflagen für Sicherheit von Patienten zu erfüllen sind (als Faustregel).
Mal abgesehen von der üblichen Konzernprofitgier, die auf den Preis schlägt, ist bei der Branche auch die hohe Ausfallrate an potenziellen Substanzen das Problem. Wir ihr auch oben im Bild sehen könnt, kommt aus der Forschungsphase eine ganze Bandbreite an Kandidaten, die dann über die weiteren Testphasen immer weniger werden.
Das Ausscheiden kann unterschiedliche Gründe haben, von Herstellungsschwierigkeiten über Giftigkeit bis hin zur schnelleren Konkurrenz oder dem eignen Bankrott kann alles zur Terminierung eines Kandidaten führen. Das derweil allerdings mehrere Millionen bis Milliarden in einen gescheiterten Versuch rein fließen können, muss am Ende der eine, der es schafft die Verluste durch die anderen 9999 ausgleichen und nebenbei auch noch etwas Gewinn abwerfen. Durchschnitt sind aber wie im Bildchen oben meist 10-12 Jahre und etwa knapp ne Milliarde Euro an Gesamtkosten

Forschungsphase
Gut, genug von Kosten und Zeitfressern, wie läuft das ganze nun eigentlich ab? An sich wird recht selten ins blaue Hinein geforscht, viel eher wird davor schon einmal ein Ziel festgesteckt. Etwa, man möchte ein neues Kopfschmerzmittel, am besten als Tröpfen verabreichbar. Man steckt also ab soweit man kann, welches Ziel das neue Produkt haben soll, wie es am besten angewandt wird und dergleichen. Das kann am Anfang noch etwas nebulös sein, wird aber über die Dauer des Projekts und konkreteren Testresultaten mit der Zeit immer mehr fixiert. Welche Dosis, welche Form, welcher Name, welche Zielgruppe, etc.

Gut, hat man nun ein Ziel, so wird in der Forschungsabteilung erst einmal kräftig gewerkelt, da vergehen meist einmal 2-3 Jahre oder auch ein bisschen mehr, am Ende steht man dann meist mit ein paar tausend Kandidaten da, die in etwa das tun, was man von ihnen erwartet. In unserem Beispiel etwa Kopfschmerzen eindämmen.

Vorklinische Phase
Jetzt ist die Frage, welche davon auch wirklich in Menschen funktionieren, wie viel man davon sicher anwenden kann und wie es um die Herstellung und Formulierung bestellt ist. Diese Fragen versucht man nun in der vorklinischen Phase auszubügeln, in der Zeit gehen auch die meisten Kandidaten flöten (hier ist auch der bisherige Kostenaufwand noch nicht so hoch). In der Phase wird die Sicherheit und ungefähre sichere Dosierungsspannweite erkundet, dabei wird sich mit den verbleibenden Kandidaten über eine immer komplexer werdende Kaskade von Versuchen an ein akzeptables Ergebnis herangetastet.
In der Praxis sieht das so aus, dass oft erst einmal in einfachen Zellkulturen angefangen wird (da scheidet der Großteil aus) und von dort dann über komplexere Zellkulturen und/oder „niedere“ Tiere (etwa Zebrafisch) immer näher an das menschliche Model herangetastet wird. Je ähnlicher desto besser, da es letztendlich logischerweise auch mehr Schlussfolgerungen zulässt, wenn der getestete Organismus dem Menschen ähnlicher ist. Gleichzeitig sind die ähnlicheren Organismen aber meist auch schwieriger zu testen und zu halten und bedürfen meist auch schwieriger behördlicher und ethischer Auflagen, weshalb erst mit einfacheren Tieren angefangen wird, bevor es kniffliger wird.
Als Beispiel: Zellkultur > Zebrafisch > Maus > Hund > Affe

Klinische Phasen
Haben es die wenigen verbleibenden Kandidaten über die vorklinische Hürde geschafft, kommt der kritische Teil, nämlich die klinischen Studien. Dabei gibt es unterschiedliche Phasen, hier mal in dem Bild schön zusammengefasst
Bild

Für die Zulassung eines Stoffes bedarf es wiederum der Zustimmung einer Ethikkomission. Die wiederum kriegt man nicht ohne das man minimale Risikofaktoren und wirklichen Bedarf für die Substanz begründen kann, deshalb auch die exzessiven vorklinischen Tests als Rechtfertigungsgrundlage.

Phase I
Hat man die Erlaubnis nun bekommen, geht es ans Phase I
In den vorklinischen tests wurde die ungefähre Dosierungsspanne untersucht und die Giftigkeit zu ergründen, da sonst das Risiko des Abnippels für die Probanden zu groß wäre. Darum auch die Tests an möglichst menschenähnlichen Tieren, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. In Phase 1 wird generell die Sicherheit für Menschen erkundet, dazu werden hierfür auch nur gesunde Freiwillige zugelassen und die Anzahl der Probanden ist auch sehr klein. Mehr als ein paar dutzend sind das meist nicht.
Ausnahme hierfür sind schwere Geschütze wie Arznei für Chemotherapie. Da man grundsätzlich schon einmal davon ausgehen kann, dass das für den menschlichen Körper kein leicht zu handelndes Erlebnis ist, wird hierfür meist gleich mit Patienten begonnen, die etwa schon ein weit fortgeschrittenes Krankheitsstadium haben. Auch hier ist die Anzahl der Personen allerdings meist sehr überschaubar.

In dieser ersten Phase wird meist dann nochmal der Großteil der Kandidaten eliminiert, wenn sie als zu unsicher eingestuft werden, am Ende hat man dann oft nicht einmal mehr ein halbes Dutzend.

Phase II & Phase III
In Phase II und III wird dann mit größeren Probandenzahlen gearbeitet, wobei es hier nun ausschließlich um Patienten handelt. In diesen beiden Phasen wird versucht die optimale Dosis zu ermitteln, also die Balance zwischen besten Wirkungsgrad und möglichst niedrigen Nebenwirkungen zu ermitteln sowie dies möglich an einer großen Bandbreite verschiedener Patiententypen abzuklären. Geschlecht, Alter, Lebensstil, Ethnie (=genetischer Hintergrund), Statur, all das sind Faktoren die einen Einfluss haben können. Deshalb wird auch versucht möglichst viele Patienten innerhalb dieser Phasen abzudecken, um entsprechende Daten zu sammeln.

Authorisierung
Nach Phase III ist dann von der verbliebenen Handvoll meist nur noch 1-2 übrig, die erfolgreich eine Zulassung erhalten. Danach ist der Spaß aber noch nicht vorbei, es kommt vor, dass eine Phase IV noch verlangt wird, wobei etwa mögliche Nebenwirkungen die im Zusammenhang stehen könnten weiterhin dokumentiert und in die Datensammlung miteinbezogen werden. Sprich, wenn unser Kopfwehbeispiel verschrieben wird und der Patient 2 Tage später erneut beim Doktor landet, weil er einen Ausschlag hat, dann wird dies (sofern noch nicht bekannt), dokumentiert und gegebenenfalls untersucht. Dabei kann es auch schon einmal vorkommen, dass wegen eines in den Phase II und III nicht ermittelten Nebeneffekts ein Medikament für eine bestimmte Patientengruppe oder gar komplett seine Autorisierung verliert, wie das damals bei Kontagan der Fall war.

Am Ende noch kurz was zu ein paar wichtigen Punkten. Sicherheit in sich ist für ein Produkt, was Leben retten oder zumindest erleichtern soll, oberstes Gebot. Dabei gibt es allerdings eine Faustregel, nämlich, dass es kein Medikament ohne (potenzielle) Nebenwirkungen gibt (von Lachen jetzt vielleicht mal abgesehen).
Sprich man muss versuchen möglichst eine Dosierung mit maximaler Effizienz und minimalen vertretbaren Nebenwirkungen zu erreichen. Eine Arznei sollte auch logischerweise keine häufigen schwerwiegenderen Nebenwirkungen haben als die Krankheit, gegen die sie helfen soll.
Ein Kopfschmerzmittel, von dem einem der Arm abfault wäre eher nicht wirklich brauchbar.

Ein anderes Problem sind sehr seltene Krankheiten, für die sich nur sehr schwer Patienten finden lassen. Das macht es zum einen schwierig überhaupt wen zu finden, der etwas dafür entwickelt, weil klarerweise die Anwendermenge zu gering ist um sich zu lohnen. Und zum anderen auch, da es zu wenig Personen für die klinischen Studien gibt. Das ist etwa aktuell bei einer Behandlung gegen Ebola ein Problem. Da sich die Epidemie mittlerweile ausgebrannt hat, gibt es keine Testpersonen mehr für die klinischen Testphasen, weshalb das nun alles im Sand verläuft…

Hmm, soweit ein kleiner Einblick in die Branche meinerseits, viel Spaß den Interessierten beim Lesen. :har:
Ist natürlich nur sehr oberflächlich gehalten und in die einzelnen Punkte wie Studiendesign und Ethikkomissionen ließe sich noch um einiges tiefer eintauchen. Dazu schreibe ich zu einem späteren zeitpunkt vielleicht noch was

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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon Azazel » 8. Dez 2016 09:15

supiii!! Zum Teil zwar bekannt aber seeeehr interessant
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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon fehlgeleitet » 9. Dez 2016 04:55

ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, wozu du dir all diesen Mühe gemacht hast? ;)

Möchtest du ein kleines offshore Unternehmen gründen, das versucht Absatzmärkte für gescheiterte Medikamente zu finden?

Ich meine - nur weil das Medikament der 1. Welt nicht zuzumuten ist, heißt das nicht, dass ein paar Wellblechhüttenbewohner nicht dankbar wären, wenn sie an kostengünstige Medikamente kämen, selbst wenn diese starke Nebenwirkungen hätten.

So könnten sogar Leben gerettet werden, auch wenn es keine saubere Lösung wäre, die dem typischen grünen deutschen Gutmensch Arschloch gefallen würde.

Edit: Danke für den ausführlichen Beitrag wollte ich noch sagen. Schade das es keinen Daumenhoch smiley gibt, den muß sich das Dämonenforum mal von uns Diskordianern kopieren >:->.

Ich habe noch ein wahrhaft ketzerischen Gedanken: Unsere hohen Qualitätsansprüche an Medikamente bedeuten letztendlichd das alle gefickt sind, die sich keine Krankenversicherung leisten können. So kann naiver Humanismus wahrhaftig inhumane Folgen haben.
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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon Tyger » 9. Dez 2016 11:11

fehlgeleitet hat geschrieben:Möchtest du ein kleines offshore Unternehmen gründen, das versucht Absatzmärkte für gescheiterte Medikamente zu finden?

Ich meine - nur weil das Medikament der 1. Welt nicht zuzumuten ist, heißt das nicht, dass ein paar Wellblechhüttenbewohner nicht dankbar wären, wenn sie an kostengünstige Medikamente kämen, selbst wenn diese starke Nebenwirkungen hätten.

Keine Sorge, die Marktlücke ist längst besetzt, nur dass die Wellblechhüttenbewohner nicht unbedingt immer etwas über die Nebenwirkungen erfahren. Contergan z.B. wird in Afrika bis heute verkauft. Ich habe aber meine Zweifel daran, ob man das als erfreulich ansehen sollte.
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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon fehlgeleitet » 9. Dez 2016 12:10

Tyger hat geschrieben:
fehlgeleitet hat geschrieben:Möchtest du ein kleines offshore Unternehmen gründen, das versucht Absatzmärkte für gescheiterte Medikamente zu finden?

Ich meine - nur weil das Medikament der 1. Welt nicht zuzumuten ist, heißt das nicht, dass ein paar Wellblechhüttenbewohner nicht dankbar wären, wenn sie an kostengünstige Medikamente kämen, selbst wenn diese starke Nebenwirkungen hätten.

Keine Sorge, die Marktlücke ist längst besetzt, nur dass die Wellblechhüttenbewohner nicht unbedingt immer etwas über die Nebenwirkungen erfahren. Contergan z.B. wird in Afrika bis heute verkauft. Ich habe aber meine Zweifel daran, ob man das als erfreulich ansehen sollte.



ok, so meinte ich das nicht.

Ein sinnvolles Ziel ist es für mich nicht irgendwelche supergefährlichen Müllmedikamente unters Volk zu bringen, sondern den allgemeinen Leidensdruck zu verringern.

Wenn ein Medikament mit Nebenwirkungen insgesamt mehr Schmerzen lindert als es neue erzeugt und auch für die Ärmsten erschwinglich ist, ist es besser als gar keine medizinische Versorgung, was nur zu einem Schwarzmarkt führt, der dann tatsächlich schwerst schädliche Medikamente enthält.

Es müssen also imo die SIcherheitsstandards gelockert werden, die zwar für Menschen mit guter Krankenversucherung von Vorteil sind, aber die Anzahl der verfügbaren Medikamente reduzieren und den Preis in die Höhe treiben.

Leider gibt es hierzulande viele Menschen, denen ihr eigener Status als moralische Instanz wichtiger ist als eine realistische Lösung die konkret das Leiden reduziert.
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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon khezef » 9. Dez 2016 15:58

ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, wozu du dir all diesen Mühe gemacht hast?


Wahrscheinlich aus genau dem gleichen Grund warum ich auch Beiträge zur Magie hier im Forum schreibe oder ein Kochrezept teile. Ideen- und Wissensaustausch ist doch der Grund für eine Forenexistenz.

Das größte Geheimnis, was ich hier geschrieben habe, ist es sicherlich nicht, zumal ich es relativ einfach gehalten habe. Kann man alles auf den entsprechenden öffentlich zugänglichen Websites und in den veröffentlichen Richtlinien finden. Nur wer nimmt sich die Zeit und gräbt sich schon durch Seiten an trockenen Regulierungsrichtlinien durch, wenn er nicht muss? :lol:
Dachte mir ich gebe mal etwas davon weiter was ich weiß.

Tatsächlich sind die Standards für klinische Studien und Zulassungen nicht überall gleich strikt oder standardisiert. In China beispielsweise wurde 2003 bereits die erste Gentherapie genehmigt. In Europa dagegen kam die erste Gentherapie erst 2012 zu ihrer Zulassung (war allerdings nicht die gleiche Behandlung, sondern zwei unterschiedliche Verfahren). Auch sind die Verschreibungspflichtigkeit nicht überall gleich.
Hat alles seine Vor- und Nachteile, keine Frage. Unter anderem die Verfügbarkeit für Leute mit weniger Geld, das ist sicherlich ein guter Punkt, Stichwort Profit.

Der Offshoregedanke ist gut, diesbezüglich werde ich mich aber wohl eher an die Finanzbranche halten. :har:

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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon fehlgeleitet » 11. Dez 2016 23:31

khezef hat geschrieben:
ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, wozu du dir all diesen Mühe gemacht hast?


Wahrscheinlich aus genau dem gleichen Grund warum ich auch Beiträge zur Magie hier im Forum schreibe oder ein Kochrezept teile. Ideen- und Wissensaustausch ist doch der Grund für eine Forenexistenz.

Das größte Geheimnis, was ich hier geschrieben habe, ist es sicherlich nicht, zumal ich es relativ einfach gehalten habe. Kann man alles auf den entsprechenden öffentlich zugänglichen Websites und in den veröffentlichen Richtlinien finden. Nur wer nimmt sich die Zeit und gräbt sich schon durch Seiten an trockenen Regulierungsrichtlinien durch, wenn er nicht muss? :lol:
Dachte mir ich gebe mal etwas davon weiter was ich weiß.

Tatsächlich sind die Standards für klinische Studien und Zulassungen nicht überall gleich strikt oder standardisiert. In China beispielsweise wurde 2003 bereits die erste Gentherapie genehmigt. In Europa dagegen kam die erste Gentherapie erst 2012 zu ihrer Zulassung (war allerdings nicht die gleiche Behandlung, sondern zwei unterschiedliche Verfahren). Auch sind die Verschreibungspflichtigkeit nicht überall gleich.
Hat alles seine Vor- und Nachteile, keine Frage. Unter anderem die Verfügbarkeit für Leute mit weniger Geld, das ist sicherlich ein guter Punkt, Stichwort Profit.

Der Offshoregedanke ist gut, diesbezüglich werde ich mich aber wohl eher an die Finanzbranche halten. :har:

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Ich muß meine Ideen - mal wieder - relativieren.

Es gibt bereits spezielle Fonds, die Niedrigpreise von HIV und Malariamedikamenten in der 3. Welt garantieren. Die können allerdings nichts daran ändern, dass diese Medikamente von ortsansässigen Banden wieder zurück in die 1. Welt für teuer Geld verkauft werden.

Weniger dringend benötigte Medikamente kosten jedoch genausoviel wie in der 1. Welt, wobei die Preise von Land zu Land varrieren, da es da meist gesetzliche Regelungen wie Preisbindungen gibt.

Ich habe meine Idee mal einem Mediziner vorgestellt, gezielt billig Medikamente zu produzieren, und dieser hielt sie
a) für ein unvertretbares Risiko (zb Fehlgeburten)
und
b) würde keine größere Firma mit solch einem Unternehmen in Verbindung gebracht werden, würde also schon aus Opportunismus diese Marktücke nicht nutzen wollen.

Tja - ohne spezielle Fachkenntnisse kann man leider nirgendswo wirklich mitreden, ich stelle es immer wieder fest.
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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon fehlgeleitet » 12. Dez 2016 09:54

vermutlich könnte man eine Kostensenkung der Medikamente ohne Qualitätsverlust durch eine Lockerung des Urheberrechts erreichen.

Das ist eh eine sinnvolle Forderung.
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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon khezef » 12. Dez 2016 11:17

Ein Problem ist im weiteren Sinne das Patentrecht. Ein Wirkstoff ist an sich nur eine begrenzte Zeit für den Entdecker geschützt, danach darf er auch von anderen produziert werden (=Generikamedikamente).
Aktuell wird vor allem auch viel in die Neuandwendung bereits bekannter Wirkstoffe investiert, weil es die Entwicklungskosten für neue komplexere Kandidaten senkt, das klappt soweit auch ganz gut.
Das ist mitunter sogar sehr erfolgreich, jedoch kommt hier das Patentrecht ins Spiel. Da nämlich der Wirkstoff so bereits oft längst ausgelaufen oder am auslaufen ist, wäre selbst nach einer Neuausrichtung für andere Therapien der Schutz nicht mehr oder bei weitem nicht so lange gegeben als wenn er frisch auf den Markt kommt.
Sprich selbst wenn man etwas Altes neu ausrichten kann, kann die Konkurrenz es dann einfach abkupfern und selber machen,was den Gewinn daraus natürlich drückt. Dazu kommen noch regulatorische Hürden, da oft eine Neuregistrierung des Wirkstoffes für eben neue Behandlungsausrichtung nötig ist, das wiederum erfordert die oben ausgelegten Testreihen was wiederum viel Zeit und Geld kostet.
Das Problem wird vor allem hier in dem Artikel sehr schön deutlich:
http://www.nzz.ch/wissenschaft/medizin/ ... share=news

Der Idealfall für einen Hersteller ist, wenn sich eine Neuausrichtung eines bereits produzierten Wirkstoffes findet, während dieser noch durch das Erstpatent abgedeckt wird (das läuft meist etwa für 15-20 Jahre, Entwicklungszeit miteinbezogen). Damit lässt sich zumindest im amerikanischen und europäischen Raum oft noch eine Patentverlängerung raushauen.

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Re: Wie kommt Medizin vom Labor zum Patienten?

Beitragvon fehlgeleitet » 13. Dez 2016 10:31

Dem Artikel entnehme ich, dass fehlendes Patentrecht dazu führt, dass die Kapitalisten (die Pharmakonzerne) kein Intresse haben Geld zu investieren.

Dieses Problem spricht Paul Mason in seinem Buch Postkapitalismus an. Ich hoffe ich zweckentfremde jetzt nicht den Thread, deswegen nur kurz.

Im Postkapitalismus geht es um einen Zustand, in dem der neoliberale Informationskapitalismus aufgrund der freien Verfügbarkeit von Information keinen lohnenden Kapitalismus betreiben kann. Da der Wert eines Produktes zunehmend aus Informationen besteht, dieser Wert aber nur künstlich mit einem Informationsmonopol auftrechterhalten werden kann, haben wir eine Situation, die nicht mehr im Sinne des freien Martes ist, denn die Nachfrage ergibt sich nicht mehr aus dem Angebot. Der Song bei iTunes ist theoretisch unbegrenzt verfügbar, hätte also nach verschiedenen Preistheorien einen Wert von 0.

Doch diese künstlichen Monopole haben die Eigenschaft früher oder später zu verfallen, Blackberry hat es auch nicht geschafft. ;)

Eine Rückkehr zu einem keysianischen Staatskapitalismus, wie zb die Rechtspopulisten das wollen, ist nicht möglich, da das neoliberale Model gerade die Antwort auf die Probleme des Keysianismus war. Somit ist die Zukunft generell, aber auch die Zukunft des Fortschritts vor allen Dingen ungewiss.

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