Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Gebrauchte Bücher aus dem magischen Bereich und allerlei Trödel

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Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 9. Jul 2013 19:35

Nach den Rezensionen zu magischer, satanischer und philosophischer Literatur eröffne ich nun Rezensionen zur heidnischen Literatur. "Heidnisch" bedeutet in meinem Fall natürlich in erster Linie "dem nordischen Glaubenskreis" zugeordnet, soll aber niemanden davon abhalten, Werke aus anderen heidnischen Strömungen zu rezensieren.

Ich versuche, baldestmöglich alles aus meiner Bibliothek zu beschreiben und zu bewerten, bin aber zeitlich etwas knapp, also nicht wundern, wenn es etwas dauert.

Wie immer ist jeder User oder Gast herzlich eingeladen, sich zu beteiligen.


====================
Zusätzlich liste ich hier Bücher auf, die einen versteckten politischen Hintergrund (meistens rechten) haben. Dabei geht es nicht darum, Bücher zu denunzieren oder euch vorzuschreiben, was ihr zu lesen habt, eher darum, euch unnötigen Rechergeaufwand zu ersparen. Die Meisten dieser Bücher besitze ich nicht und sie stehen auch *sehr* weit unten auf der Liste der Bücher, die ich noch lesen möchte, daher gibt es zu ihnen keine Rezensionen, nur eine Auflistung.

Vor Forn Sidr: (Our Ancient Religion) von Dr Casper Odinson Crowell
"Dr" Casper Crowell ist Gründer und vorsitzender des Vinland Kindred und der "Holy Nation of Odin", beides "white seperatist" heidnische Gemeinschaften. Crowell sitzt wohl lebenslänglich im Gefängnis, die offzifielle Homepage sagt für "Patriotismus und seinen völkischen Glauben", an anderer Stelle scheint es sich wohl eher um Mord und/oder Totschlag zu handeln. In diesem Buch beschreibt er wohl seine Ansichten, und nachdem er ein ziemlich Rassist ist, bezweifle ich, dass sein Werk dann wirklich brauchbar ist.
- Harmony, like a following breeze // at sea, is the exception." (Harvey Oxenhorn, Turning the rig)
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 9. Jul 2013 19:38

Ersteinmal hier Links zu heidnischen Büchern, die bereits renzensiert wurden:

Die alten Feuer von Midgard von Andrea Haugen, der Frontfrau von Hagalaz' Runedance und Nebelhexe.
Uthark von Thomas Karlsson, dem Vorsitzenden des schwedischen Dragon Rouge. Ein Buch über die "dunkle Seite der Runen".
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 11. Jul 2013 11:21

Die Blätter von Yggdrasil / The leaves of Yggdrasil
(von Freya Aswynn)

Buchcover nicht verfügbar

"Die Blätter von Yggdrasil" sind ein viel zitiertes Standardwerk, gerne auch mal als "Einsteigerwerk" empfohlen, daher einige Gedanken von mir zu diesem Buch.

Zuersteinmal einige Informationen zur Autorin: Freyja Aswynn hat bereits einiges an ideologischen Veränderungen durch gemacht, startet wie viele Heiden aus ihrer Generation mit dem Wicca-Glauben und bekennt sich seit ca. 1994 recht kompromislos zum Asatrú, wie er vom Odinic Rite vertreten wird.
Das ist ersteinmal nur eine Information, die aber auch zeigt, dass man ihr Buch, wie allerdings so ziemlich jede nicht-wissenschaftliche Literatur aus dem Bereich, mit Vorsicht genießen muss. Der Odinic Rite ist eine recht alte Vereinigung, entstanden etwa 1980, und hat seine Rituale und Ansichten auf die damaligen historischen Erkenntnisse aufgebaut. Das geschah sehr genau, gewissenhaft und auf dem damaligen Stand der Forschung. Leider hat man die zu dieser Zeit entstandenen Rituale und Ansichten nicht ausreichend an die neueren Erkenntnisse angepasst.

Ein zweiter Punkt, der dazu führt, dass "Die Blätter von Yggdrasil" mit Vorsicht zu genießen ist, sind Freyja und ihre Ansichten selbst. Sie vertritt, wie schon angedeutet, eine sehr schonungs- und kompromisslose Variante des germanischen Neuheidentums.
Wenn ich sie richtig einordne sieht sie sich als Erwählte Odins und hat besonders zu ihm und zu den "Zauberwelten", denen er zugeordnet wird, starken Bezug. Das bedeutet umgekehrt, Menschen, die Heidentum "nur" als Religion und/oder Philosophie betreiben, mit diesem Buch nicht wirklich viel anfangen können, denke ich.
Von diesem Standpunkt ist Freyjas Buch fast so etwas wie ein Indikator für die eigne Eignung als nordisch-germanischer Neoheide: Wenn dieses Buch dir zu extrem, angreifend oder schmerzhaft ist, dann bist du in dieser Religion vielleicht falsch aufgehoben.

Diese beiden Themenfelder zeigen recht deutlich, dass "Die Blätter von Yggdrasil" eben nicht das sind, als das sie so gerne zitiert werden. Sie sind KEIN Einsteigerwerk.
Man braucht bereits Wissen und einen kritischen Geist, um aus diesem Buch seinen Nutzen zu ziehen. Und damit meine ich nicht, dass man bereits zwei Dutzend Bücher über Neuheidentum gelesen haben muss, ich meine damit, dass man sich mit der Materie geistig auseinander gesetzt haben muss.

Allerdings muss ich auch ganz klar sagen, dass ich von "Einsteigerlektüren" zum Thema Heidentum nichts halte. Es gibt die Edda und dutzende andere Quellen, die Meisten davon sehr akribisch mehrfach übersetzt, meiner Meinung nach sollte man die zu erst lesen.


So, nun aber nach langer Rede und Gemecker zu dem Nutzen für Lesende, die sich bereits in die Materie "(Neo-)Heidentum" eingearbeitet haben:

Freyja Aswynn verfolgt eine sehr kompromiss- und schonungslose Version des Lebens mit den Göttern. Das klingt erst einmal schlechter als es ist, ich mache es wenig anders. Wie ich vertritt sie die Meinung, dass im nordischen Pantheon einfach keine "halben Sachen" möglich sind. Dies ist eine Meinung, die von vielen Lesenden als zu extrem empfunden wird und auch dazu führt, dass man ihr teilweise Sturheit und/oder ein starres Weltbild unterstellt.
Ich persönlich kann mich mit diesen Ansichten sehr gut anfreunden. Wie Freyja es mehrfach sehr gut auf den Punkt bringt, irgendwo hat nordisch-germanisches Heidentum ein paar sehr zentrale Elemente, die von vielen Heiden aufgrund ihrer Unbequemheit einfach ignoriert werden. (Stichwort (Selbst-)Opfer zum Beispiel.) Man zieht sich auf Hippie-Ansichten zurück und vermatscht das nordisch-germanische Heidentum ohne Sinn und Verstand mit was weiß ich was Allem. Kann man machen, aber das ist dann eben kein nordisch-germanisches Heidentum mehr.
So etwas passiert bei/mit Freyja sicherlich nicht. Das ist nicht misszuverstehen mit Misstrauen oder Hass gegen andere Weltbilder oder Xenophobie. Es geht einfach darum, dass nordisch-germanisches Heidentum eine Religion ist, die den alten Glauben der nordisch-germanischen Stämme wiederbeleben und in unsere Zeit übertragen will. Und da haben Wicca-Jahresfeste, Runen-Kabbalah, Elemente mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Abeglaubens und Hexenrunen einfach nichts verloren. Punkt.

Thematisch behandelt sie sowohl philosophische als auch praktische Themen und beschreibt auch ihren eignen Lebensweg und die Ereignisse, die zu ihrem Engagement im Odinic Rite führten. Was man dem Buch nicht auf den ersten Blick ansieht ist, dass Runen eine sehr zentrale Rolle spielen, leider, wie bei zu vielen Publikationen über Runen, geht wieder viel Platz für einzelne Aufzählungen der Runen und ihrer Bedeutungen drauf.


Zum Abschluss noch meine persönliche Meinung:
Für mich sind "Die Blätter von Yggdrasil" eines der wichtigsten Bücher in meiner Bibliothek. Einerseits vertritt Freyja, wie bereits beschrieben, einige Ansichten, die meinen sehr ähnlich sind, ist aber dennoch ihren eigenen Weg gegangen, so dass ich viel Ergänzendes für meine Welt und mein Wesen gefunden habe.
Ich gehe aber davon aus, dass sie den meisten Menschen nicht so viel bringen wie mir, meine Ansicht von Neoheidentum scheint nicht wirklich verbreitet zu sein ;)


Zu einer Bewertung wollte ich mich jetzt eigentlich nicht hinreissen lassen, versuche es aber trotzdem mal und vergebe
8/10
* Ein Punkt Abzug dafür, dass sie fast das halbe Buch über Runen schreibt, obwohl es, meiner Meinung nach, interessanter gewesen wäre, ihr Weltbild weiter auszubreiten und über ihren Glauben und ihre Praktiken zu reden.
* Einen weiteren Punkt Abzug dafür, dass ich mir sicher bin, dass sie einiges von ihrem Wissen verheimlicht und viele Themen nur anschneidet aber nicht zu Ende formuliert, auch wenn ich überzeugt bin, dass sie es in ihrer Praxis auf jeden Fall weiter gedacht verwendet. An sich hätte ich mich auf ein weiterführendes Buch von ihr gefreut, aber das scheint ihr zu persönlich zu sein. Ist für mich ok, führt nur dazu, dass sie sich die "oberflächlichen" Kapitel meiner Meinung nach auch hätte sparen können.


Ein kleiner Hinweis am Rande: Auf der deutschen Ausgabe des Buches findet sich auf dem Cover "Kauf dieses Buch." in Runen, was die Autorin in ein seltsames Licht stellt. Es scheint sich hierbei aber um einen "Spaß" der deutschen Verleger zu handeln und scheint bei der Inkenntnisnahme zu ziemlichen Wutausbrüchen von Seiten der Autorin geführt zu haben, also nicht wundern ;)
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 11. Jul 2013 12:10

Sorcery and Religion in Ancient Scandinavia
(von Varg Vikernes)
Buchcover nicht verfügbar

Moment mal, Varg Vikernes, war das nicht...?
Ja, genau der war das. Dieser nette, sympatische junge Mann, der seinen Bandkollegen aus nicht mehr zu ermittelnden Gründen ermordete und einige Kirchen, darunter vermutlich die größte Stabkirche von Norwegens, abbrannte. Und zumindest bis 1999 war er wohl auch massiv rechtsextrem und rassistisch, behauptete aber nach seiner Entlassung 2009, damit nichts mehr am Hut zu haben. Ob das nun stimmt oder nicht, weiß ich nicht.

Nun bin zumindest ich kein großer Fan von Feindpolitik gegen das Christentum, grade was das Abbrennen von Kulturdenkmäler betrifft, kann ich über derartige Aktionen nur den Kopf schütteln, zu Rassismus und Antisemitismus muss man, denke ich, nichts mehr sagen. Also erfüllt Varg Vikernes die besten Voraussetzungen dafür, ein gutes Buch zu schreiben, das mir gefällt. ;) Das hat er auch getan und nach Verbüßung seiner Haftstrafe ein Buch über nordisch-germanisches Heidentum geschrieben. Ich war dem entsprechend skeptisch, als ich das Buch in den Händen hielt.

Gelesen habe ich es trotzdem, das hat sich auch gelohnt.

Varg Vikernes beschreibt sehr eigne Ideen und Theorien zum Heidentum des (größtenteils prähistorischen) Skandinaviens. Das Buch gliedert sich in 4 Teile:
* Einen Teil über seine Ideen bzgl dem frühen Nordischen Glauben und Leben (Kapitel 1, 2)
* Einen Teil über die Runen und ihre Mysterien (Kapitel 3)
* Einen Teil über die Völuspá (Kapitel 4)
* Einen Teil über den Helwegr im weiteren Sinne und die Verbindung mit den Ahnen (Kapitel 5,6)

Ich bin die immer gleichen Aufwäsche der Standardliteratur inzwischen so Leid, dass ich äußerst erfreut bin über Bücher, deren Autoren sich tatsächlich in erster Linie eigne Gedanken gemacht haben und "Sorcery and Witchcraft in ancient Scandinavia" gehört auf jeden Fall dazu.
Daher kann ich auch sehr leicht darüber hinweg sehen, dass Varg teilweise sehr wilde Theorien aufstellt und diese gleich zu Beginn des Buches als einzig wahre propagiert. Ich denke auch, Varg ist einfach ein extremer Mensch und "Wenn du nicht meiner Meinung bist hast du es einfach nicht verstanden." meint eher "Wenn du nicht meiner Meinung bist, verurteile sie bitte nicht nach wenigen Sekunden, sondern denke noch einmal darüber nach." Und nach diesem Ansatz machen einige seiner Theorien nach einiger Zeit tatsächlich mehr Sinn als beim ersten Lesen, wo sie dem einen oder anderen wahrscheinlich deutlich zu offensiv erscheinen mögen. Mit Allem angefreundet habe ich mich trotzdem nicht. Muss man aber ja auch gar nicht.

Und seine Ideen sind wirklich neu und regen zum Nachdenken an. Alles in Allem ist sein Weltbild konsistent (was man von dem vieler anderer Autoren nicht behaupten kann ;)) und auch Varg hat keine Angst non-konforme, unbequeme Wahrheiten und Theorien auszusprechen, was ich Autoren sehr hoch anrechne.
Die verwendete Sprache ist sehr klar und unmissverständlich und der Inhalt zeugt von einem tiefen Verständnis der historischen Quellen, teilweise auch in den Originalsprachen, auch wenn diese Kenntnis teilweise zu, meiner Meinung nach, falschen Schlüssen geführt hat.
Das Einzige, was mich stört ist, dass er nicht markiert, wann er auf Quellen aufbaut und auf welche und wann er seine komplett eignen Theorien verwendet. Grade in Bezug auf Rituale innerhalb matriarchalischer und auch patriarchalischer Gesellschaften hätte ich gerne weiter führende Quellen gehabt, da ich diese Theorien so nicht kannte.

Bezüglich Vargs ideologischen Ansichten muss ich sagen, dass ich trotz gesteigerter Aufmerksamkeit über diese Themen keine Äußerungen aus dieser Sparte gefunden habe. Vielleicht hat er sich ja gefangen und ist zu einem Beleg für meine Theorie geworden:
Entgegen weit verbreiteter Meinung heilt einen ausreichende Beschäftigung mit nordisch-germanischem Heidentum von Rassismus und Fremdenhass. Für derartige Auswüchse gibt es in dieser Welt nämlich keinen Platz.
Naja, ich halte auf jeden Fall die Augen offen, was von ihm noch kommt und bin und bleibe gespannt.


Also als Fazit: Wieder einmal ein Buch, das für erfahrenere Leser sehr bereichernd sein kann, aber in den Händen von "Neulingen" nichts verloren hat. Für "Nicht-Neulinge" allerdings eine klare Empfehlung.

Auf eine Bewertung verzichte ich, ich denke, die Rezension gibt jedem die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob ihm das Buch etwas bringt oder nicht.
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Azazel » 12. Jul 2013 09:07

danke Al - wollte ich schon mal lesen und hab's wieder aus den Augen verloren. Gut, dass Du mich daran erinnerst:-)
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 12. Jul 2013 10:09

Die Blätter von Yggdrasil?
Im Zweifelsfall kann man sich die meisten Bücher auch bei mir ausleihen, also falls dich etwas interessiert und du es nicht besitzt, schicke ich es dir.

Leider komme ich mit den Rezensionen deutlich langsamer voran, als ich dachte, irgendwie ist es teilweise echt schwer, das wichtige heraus zu heben, ohne sich zu sehr von seinem eignen Weltbild und seinen eignen Ansichten einfangen zu lassen. Aber gut, ich hoffe, dass über das Wochenende noch ein, zwei Bücher dazu kommen.
Naja, auf den Umfang der Rezensionen wirkt es sich auf jeden Fall aus, hoffentlich dann auch auf die Qualität ;)
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 24. Jul 2013 18:20

"Exploring the Northern Tradition"
(von Galina Krasskova)

Buchcover nicht verfügbar


Die Autorin, Galina Krasskowa, ist seit den 90er Jahren in der paganen Szene von New York unterwegs, hat in diesem Werdensprozess einige Strömungen ausprobiert und ist dann gegen 1998 beim nordisch-germanischen Heidentum hängen geblieben.
Aufmerksam geworden bin ich auf sie in einem Artikel über Tieropfer im modernen Heidentum, in dem ein Mensch aus einer ihrer ehemaligen Glaubensgemeinschaften, sich (auf eine sehr korrekte, faire Art und Weise) von ihr distanziert, weil sie wohl auch dem Rökkatru, den viele Asatru als Gegenströmung empfinden, angehört und "zwielichtige" Kontakte (beispielsweise zu Raven Kaldera, über den ich bei Gelegenheit noch etwas schreiben werde) unterhält.

Nachdem ich auch zu den Praktizierenden mit einer unangemessen Nähe zum Rökkatru und Utgard gehöre, hat mich das schon interessiert, also habe ich mir ein paar Bücher von ihr gekauft, dieses ist das erste, das ich vorstellen werde.

"Exploring the Northern Tradition" ist als Einstiegswerk für Neulinge und Interessierte gedacht und geht überraschend einfühlsam auf diverse Probleme, die man als Neuling in der Heidenszene bekommen kann, ein.
Galina Krasskowa beschreibt sehr zielsicher, worauf es ankommt und worauf nicht und man merkt deutlich, dass sie lange in der Szene unterwegs ist und ihre Priestertätigkeit auch unter einem "Seelsorger"-Aspekt sieht.

Leider ist das Buch nicht in deutscher Sprache erschienen, da die Sprache aber recht einfach ist, denke ich, man kann es auch mit Schulenglisch verstehen.



So, nun noch ein paar mehr Worte zum Inhalt:

Einführung und Kapitel 1 und 2 liefern eine kurze Einführung in Geschichte und Struktur des nordisch-germanischen Heidentums und beschreiben "des Heiden Handwerkszeug".

Galina Krasskowa identifiziert verschiedene Unterströmungen des germanisch-nordsichen Heidentums und beleuchtet die Hintergründe der Bewegung. Vor Allem macht sie den zentralen Knackpunkt dessen klar, was nordisch-germanisches Heidentum von sontigem Neo-Paganismus unterscheidet:
Der Unterschied zwischen "Lore", also der Überlieferung und "Univerfied Personal Gnosis", also Wissen, dass aus dem Praktizieren der Religion und dem Kontakt mit den Göttern stammt.
Sie stellt die gängigen Quellen vor, verzichtet aber dankenswerter Weise auf viel mehr als dem Lesen das Lesen dieser Quellen nahe zu legen.


Kapitel 3, das seitenstärkste Kapitel beschäftigt sich mit den Göttern des nordischen Pantheons.
Hierzu werden Götter vorgestellt und erklärt, teilweise gibt es Meditationsanregungen.
Die Beschreibungen sind recht harmlos, häufig deutet Galina die wirklich heftigen Aspekte von Gottheiten nur an. Da ich ihren Ruf und ihre anderen Werke kenne, denke ich, das hat was mit Anfängerfreundlichkeit zu tun, also will ich ihr das nicht wirklich negativ anrechnen, aber es vermittelt teilweise einen falschen Eindruck.
Die Meditationen sind vor Allem geeignet für Menschen, die von anderen paganen Strömungen kommen und größtenteils sehr an Wicca- und Freihexenmeditationen angelehnt (zünde Kerzen an, Meditiere über den Aspekt der Göttin in dir, blabla)
Nicht verkehrt, aber für mich und beispielsweise auch für Menschen, die von "theoretischem" Heidentum in die Praxis wollen oder von einer der anderen Religionen kommen eher weniger geeignet.
Da wären wirklich heidnische Übungen auch nciht schwerer und irgendwie näher am Erwünschten.

Ein weiterer Aspekt, der mich etwas nervt ist die scheinbare Vertauschbarkeit von germanischen, nordischen und angelsächsischen Göttern. Diese Götter sind landgebunden (und damit meine ich nicht bezogen auf die Nation, sondern das Gebiet) und damit macht es einen Unterschied, ob wir es mit Odinn, Oden oder Wotan zu tun haben. Ich weiß, dass viele Heiden, die anglo-sächsischen Namen, die nordischen und die germanischen durcheinander schmeissen und teilweise auch die dahinter stehenden Religionen vermischen. Ändert aber nichts daran, dass ich denke, dass es nicht im Sinne des Heidentums liegt.
Bezeichnenderweise tritt dieses Verhalten auch überwiegend bei nicht-europäischen nordisch-germanischen Heiden auf, europäische Heiden halten sich meistens an die Götter ihrer Landstriche, schon aus dem pragmatischen Grund, dass die Verbindung einfach stärker ist. Ich will mich jetzt gar nicht weiter über die Thematik einer landesbezogenen Religion OHNE dazu gehöriges Land und im Speziellen die Eigenheiten amerikanischen nordisch-germanischen Heidentums auslassen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Meiste, was aus dieser Ecke kommt, auf die eine oder andere Art mit Vorsicht zu genießen ist.
Meiner Meinung nach wäre da (wenn überhaupt) eine neue Art nodisch-germanischen Heidentums nötig (frei nach "American Gods" von Neil Gaiman), aber das kann man den amerikanischen Glaubensbrüdern und -schwestern wahrscheinlich nur schwer klar machen. Naja, wie gesagt, anderes Thema, da werde ich mich bei Gelegenheit an anderer Stelle zu auslassen.

In Kapitel 4 wird kurz das "Wyrd", das einzige wirkliche heidnische "Gesetz" erklärt, in Kapitel 5 erläutert Krasskowa das heidnische Menschenbild, was und wie ein Mensch ist und wie er sich im Geflecht der Welt, dem Wyrd bewegt. Außerdem wird auf Ahnenverehrung eingegangen.

Kapitel 56 ein recht kurzes, beschreibt den gemeinsamen Konsens auf den die meisten amerikanischen Heiden sich geeinigt haben, die "9 Tugenden".
Wirklich begeistert bin ich von dem Konzept nicht, ich denke, nordisch-germanisches Heidentum verträgt sich einfach nicht mit gestreamlineten Regeln. Aber man sollte es wohl mal gehört haben.

Kapitel 6, 7, 8, 9 und 10 beinhalten praktische Anweisungen, wie den generischen Aufbau eines Blots, also eines Opfers oder eines Symbels, also eines nordisch-heidnischen Trinkfestes, und weiteren Anregungen für den persönlichen Zugang zu den Göttern.



Also, um noch einmal das Fazit zusammen zu fassen:
Ein sehr gutes, für Einsteiger geeignetes Buch eines ungewöhnlichen Heidin mit kleinen Mängeln. Aber derzeitig das beste "Einsteigerwerk" auf dem Gebiet, das ich kenne. Auch für erfahrenere Leser ist das Buch durchaus interessant, es gab einige Sachen, die ich so nicht gewusst habe oder so nicht gesehen habe.
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 24. Jul 2013 18:25

Die Tochter der Mondgöttin ( von Johanne Hildebrandt )

Buchcover nicht verfügbar

Nanu, ein Roman?
Ja, genau. Dieses Buch ist eine "God fiction", wie dieses schöne Gebiet getauft wurde und beschreibt die Geschichte von Freyja von ihren Jahren als junges Mädchen bis zu ihrem Tod.
Freyja, eine bronzezeitliche Priesterin einer unbenannten Mondgöttin vom Stamm der Vanen gerät in Konflikt mit dem gegnerischen Stamm der Asen, es kommt zu einem Krieg, einer zaghaften Versöhnung, usw. Wie man das eben kennt aus Edda und Co.

Johanne Hildebrandt hält sich erstaunlich akribisch an die Vorlagen und schafft es trotzdem, eine überraschende, spannende Geschichte zu schreiben, die einem einen neuen Blickwinkel auf die Götter erlaubt.
Eine Geschichte, die so eskaliert, dass Freyjas Enkelin Saga, der späteren Göttin der Erinnerung und Geschichtsschreiberin der Götter, nichts Anderes übrig bleibt, als die Geschichte der beiden Stämme in eine epische Sage über kämpfende Götter mit ihnen bezeichneden Attributen umzudichten.
Diese Umdichtungen sind teilweise so bitter, dass es mir fast körperlich weh tat (vor Allem Iduns Geschichte hat mir den Rest gegeben), aber sie eröffnen einem einen anderen Blick auf die klassichen Sagen und Legenden.

Fazit: Ein Fachbuch ist es nicht, aber wer sich mit dem Gebiet befasst und sich auf eine neue Sichtweise der alten Geschichten einlassen will, ist hier gut bedient.
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Ischade » 24. Jul 2013 22:14

Die Blätter von Yggdrasil hab ich hier auch noch irgendwo rumstehen, aber ich würde erstmal keine weitere Buchempfehlung aussprechen.

Wahrscheinlich sollte man erstmal die Edda lesen, aber ich denke, dass in vielen Büchern ein gewisser Teil Wahrheit steckt und man ihn dann findet, wenn man viele Bücher liest, oder selbst versucht die Wahrheit zu finden. Manchmal schicken die Runen selbst einem Visionen. Dann sollte man anfangen, sein eigenes Buch zu schreiben!
"Die Moral ist immer die Zuflucht der Leute, welche die Schönheit nicht begreifen." (Oscar Wilde)

http://www.youtube.com/watch?v=5hgLxW2feHk
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon Alveradis » 24. Jul 2013 22:31

Ja, da hast du Recht.

Das sind ja auch keine Empfehlungen, sondern Rezensionen. Und ich habe auch recht deutlich gemacht, dass die meisten Bücher nichts für Anfänger sind. Und dass man nicht drum rum kommt, die Quellen zu lesen und sich Gedanken darüber zu machen.

Zu den Quellen selbst werde ich auch noch etwas schreiben, bzw zu den Überstezungen, die ich besitze, aber der Beitrag ist noch nicht fertig.
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Re: Rezensionen zu 'heidnischer Literatur'

Beitragvon khezef » 24. Jul 2013 22:42

Danke Al für die Romanempfehlung. Ich habe schon ein paar ähnliche Bücher gelesen, deine Anregung dazu sagt mir sehr zu. Kommt auf meine Bücherliste.

@ Ischade: Sie sagte doch schon, was du bekritelst, nämlich dass erst die Quellen dran sind und dann die weiterführende Literatur... wie eigentlich auf jedem Gebiet, auf dem man lernt ;)

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