The Terror Of Alabama

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The Terror Of Alabama

Beitragvon Marc Gore » 13. Mär 2011 12:50

AUBURN UNIVERSITY IN AUBURN/ALABAMA, MÄRZ 1978

Die 20-jährige Studentin Helen Chester saß auf einer Bank im Campus der Universität.
Ihre vertrautesten Kommilitonen waren mit ihr in ein aufgeregtes Gespräch vertieft.
Direkt neben ihr saß ihr Schwarm Tim Sullivan, 21.
Um das Paar, das sich zwar noch nicht offiziell zusammen gefunden hatte, seine Beziehung aber bei jeder Gelegenheit durch ausgiebiges Flirten in Aussicht stellte, herum standen Greg Harlan, 22, und Beth McEdmondson, 21.
Die junge Clique diskutierte über den anstehenden Spring Break im April in Fort Lauderdale/Florida, an dem sie unbedingt teilhaben wollte.
„Leute, das wird eine geile Zeit! Richtig die Sau raus lassen und feiern!“ schwärmte Helen und malte sich vor dem geistigen Auge zwei ausgelassen Partywochen aus.
„Der Van meines Dads wartet nur darauf, dass wir uns hinein setzen und ab nach Florida düsen...“ antwortete Tim ebenso enthusiastisch.
Helen erwiderte: „Geht also alles klar. Na, dann steht unserer Riesenparty nichts mehr im Weg.“
Tim stimmte zu: „Auf keinen Fall.“
Greg und Beth freuten sich genau so auf Florida.

ALABAMA STATE ROUTE, APRIL 1978

Der GMC Vandura- Van, den Tim sich von seinem Dad gepumpt hatte, sauste über die Alabama State Route Richtung Florida. Die Clique hatte genügend Saufzeug und Grass bei sich, um in Stimmung zu kommen. Die Grenze zu Florida war nicht mehr weit. Sie lachten und tauschten sich aufgeregt über Rauchen und ordentlichen Sex aus. Tim freute sich tierisch, als im Radio der Song 'Woodstock' von Matthews Southern Comfort begann.
„He Leute, der Song hier ist herrlich, oder? Au Mann, Woodstock! Das war geil. Meine Eltern haben mich doch damals mit dorthin genommen. Fast neun Jahre ist das jetzt her. So ein geiles Festival... Das Erlebnis hat meine ganze Teenie-Zeit geprägt, kann ich euch sagen!“
Die Meinungen waren geteilt. Nur Helen stimmte ihm zu, dass der Song so richtig schön zum Träumen sei. Greg und Beth hingegen konnten dem nicht viel abgewinnen, da sie mehr auf den Sound der Ramones abfuhren. Unbeirrt stellte Tim das Radio lauter und der Matthews Southern Comfort- Kultsong dröhnte durch die Landschaft, die der Van durch fuhr. Kurz nachdem der Song vorbei war, hing das Quartett noch seinen Träumen nach, dann sah Tim plötzlich etwas Merkwürdiges quer über der Straße liegen. Er versuchte erschrocken eine Vollbremsung, doch es war zu spät! Der GMC raste auf ein Geflecht aus Stahlspitzen zu, das die Straße blockierte. Tim und die neben ihm sitzende Helen stießen einen Schrei aus, die hinten im Wagen sitzenden Greg und Beth blickten erschrocken nach vorn, dann passierte es auch schon. Es gab einen lauten Knall!
Der GMC raste über die Spitzen, und alle vier Reifen wurden aufgeschlitzt. Laut krachend landete der jetzt unkontrollierbare Van im Straßengraben, fiel auf die rechte Seite. Es vergingen einige Minuten, dann kroch die Clique aus dem Van. Die jungen Leute waren verzweifelt.
Irgend jemand hatte die Straße mit einer bösen Falle versehen, in die der Van gebraust war. Was sollten sie tun?
Greg munterte seine Freunde auf, im nahen Wald neben der Straße Hilfe zu suchen. Vielleicht wohnte dort jemand. Auf dem Highway würden sie seiner Meinung nach lange auf Hilfe warten müssen.
Die anderen sahen es schließlich ein. Sie waren erleichtert darüber, wenigstens unverletzt zu sein, nur ihre Knochen taten weh.
Es dämmerte bereits. Die Sonne ging langsam unter, als das Quartett durch den Wald irrte.
„Wartet mal Leute...“ keuchte Tim.
Als die anderen sich nach ihm umdrehten, sagte er: „Ich muss dringend pissen gehen.“
„Mach schnell!“ rief Greg ihm nach, während er sich schon abwandte und ein paar Meter zurück ging hinter einen Baum.
Ein wenig genervt wartete der Rest der Clique, während Tim sich bereit stellte und den Reißverschluss seiner Jeans öffnete. Plötzlich näherte sich ihm von hinten jemand. Als Tim das leichte Knacken hinter sich hörte, war es schon zu spät. Ein harter Gegenstand traf ihn im Nacken und er sackte zu Boden.
„Tim?“ fragte Helen, und auch die anderen zuckten zusammen, denn sie hatten sein Stöhnen hinter sich in der Dunkelheit vernommen.
„Bist du jetzt fertig? Oder ist was nicht in Ordnung?“ rief Greg in Richtung des Baumes, hinter dem der Freund verschwunden war.
Als nichts weiter kam, gingen die drei auf den Baum zu. Sie guckten sich irritiert an, als sie nichts sahen. Sie redeten wirr durcheinander und tauschten Fragen aus, wo Tim vielleicht ab geblieben sein konnte. Sie riefen ihn noch ein paar Male, aber als keine Antwort mehr kam, schlug Greg vor, weiter zu gehen. Die Mädels protestierten erst, aber sahen auch bald ein, dass ihnen nichts anderes übrig blieb. Sie mussten Hilfe suchen und bei der Gelegenheit leider ihren Buddy als vermisst melden.
Als sie weiter durch den Wald gingen, kamen sie an einem einsamen See vorbei.
„Oh, wie herrlich wäre es, jetzt ins kühle Nass zu springen,“ schwärmte Beth.
Ihre Freunde stimmten ihr zwar zu, waren sich aber einig, dass es wichtiger wäre, den Wald weiter nach dem verschwundenen Tim abzusuchen.
So gingen sie weiter durch den Wald, bis sie nach einer guten Viertelstunde eine Blockhütte auf einer Lichtung sahen. Gespannt näherten sie sich dem Gebäude, das leider einen verlassenen Eindruck machte.
Greg, Helen und Beth öffneten die knarrende Tür. Es roch muffig in der Hütte.
„Macht einen verlassenen Eindruck. Hier bestimmt seit Jahren niemand mehr...“ murmelte Greg.
„Aber wenigstens können wir hier die Nacht verbringen...“ erwiderte Helen.
Auch Beth stand der Sinn nach Verschnaufen nach dem Unfall und der Wanderung durch den dunklen Wald. Die Drei tasteten sich durch die anscheinend leer stehende Hütte, durch deren Fenster fahles Mondlicht fiel. Greg voran.
„Halt! Wer seid ihr?“ durchschnitt plötzlich eine scharfe Stimme die stickige Luft, und urplötzlich baute sich ein Mann mit einer Flinte vor den Erschrockenen auf.
Der Mann, der Vordermann Greg das Gewehr unter die Nase hielt, war ein Redneck wie aus dem Bilderbuch: Zwischen 60 und 70 Jahre alt. Zerzaustes graues Haar. Dunkelgrauer Weihnachtsmann-Vollbart, der hinunter bis über den Brustkorb wuchs.
Bekleidet war er mit einem rot karierten Flanellhemd, das unter einer vor Dreck starrenden und reichlich schäbigen hellblauen Latzhose steckte.
Uralte Gummistiefel.
Gereizt fragte er: „Was zum Teufel wollt ihr Kids hier?“
Greg antwortete vorsichtig: „Hören Sie, Mister, wir... Wir wollten nicht stören...“
„Wir hatten hier in der Nähe, an der Straße einen Unfall. Und zu allem Überfluss noch unseren Freund verloren. Wir wollten niemanden stören, wir wissen nur nicht, wohin!“ warf Helen ein.
Greg sprach weiter: „Wir wussten ja nicht, dass die Hütte hier bewohnt ist...“
Der Alte musterte das Trio zwar noch mit einem strengen Blick, ließ seine Waffe aber schließlich sinken. Er fragte die drei Freunde nach ihren Namen und stellte sich selbst schlicht als Joe vor.
Joe ließ sich in aller Ruhe erzählen, was den Studenten passiert war. Er erzählte ihnen noch, dass er Jäger sei und diese alte Blockhütte manchmal zum Übernachten nutzte. Wie zufälligerweise gerade heute Nacht. Dann bot er der Clique an, die Nacht hier zu verbringen. Dankbar sagten die Besucher zu und Joe bat ihnen ein kleines Zimmer an, in dem sie allesamt ihre Nachtruhe finden sollten. Es war nur ein unmöbliertes Zimmer mit Matratzen am Boden, aber das interessierte die todmüden Freunde nicht mehr sonderlich, denn ihnen fielen die Augen zu.
Wohin ihr Gastgeber nun ging, davon nahmen sie keine Notiz mehr...

Als Tim erwachte, dröhnte sein Schädel, als würde er jeden Moment zerplatzen. Ihm war schwindelig, außerdem hatte er einen enormen Blutdruck im Kopf. Er sah alles noch recht verschwommen, aber mit den Sekunden wurde sein Blick wieder klarer. Und dann merkte er auch, warum im sein Blut in den Kopf geschossen war:
Er hing kopfüber von einer Zimmerdecke! Wie ein Stück Schlachtvieh!
Etwa einen Meter baumelte sein Kopf über dem Boden, seine herunter hängenden Arme berührten ebenfalls kaum den Boden. Seine Fingerkuppen stießen nur hin und wieder gegen eine Wanne, die genau unter ihm stand. Fassungslos blickte er von unten an sich herauf. Seine beiden Füße waren an Eisenketten befestigt, die an einer Betondecke hingen. Und er war splitternackt.
Was wurde hier nur gespielt?
Ächzend und stöhnend ließ er seinen Blick im Raum umherschweifen und ihm wurde immer beklommener zumute. Er befand sich in einem Kellergewölbe. Die Luft war schwer und muffig. Knappes Sonnenlicht, das durch ein Kellerfenster hinein schien, beleuchtete die karge Kammer nur unzureichend.
Tim hörte Schritte, und bevor er etwas sagen konnte, wurden seine Augen von gleißendem Licht geblendet.
Irgend jemand musste eine Lampe eingeschaltet haben.
Tim zwinkerte mit den Augen, und nach wenigen Augenblicken sah er, dass es nur eine einfache Glühbirne war, die von der Decke baumelte. Ganz dicht neben ihm, so dass das Licht ihn gnadenlos blendete.
Eine Gestalt hatte den Raum betreten. Und was für eine Gestalt. Ein Monster! Tim lief es eiskalt über den nackten Rücken.
Ein hoch gewachsener Mann kam unendlich langsam näher. Dieses Etwas war bestimmt zwei Meter groß und von breiter, klobiger Statur.
Das Gesicht dieser Kreatur... Menschen?... Mannes?... war von großen Narben bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auf den ersten Blick erkannte Tim, dass der Unheimliche auf dem Kopf einen stählernen Helm trug. Und sonst militärische Tarnbekleidung für den Wald.
Als der Hüne sich direkt vor ihm aufbaute und Tim in seiner unbequemen Lage nur mühsam zu ihm heraus blinzeln konnte, sah er, dass dieser Helm mit einem künstlichen Unterkiefer verbunden war.
Ein Kiefer aus massivem Stahl!
Mit garantiert fünf Zentimetern langen spitzen Stahlzähnen. Als der entstellte Typ seine Oberlippe zurück zog, blitzten darunter ebenfalls künstliche Stahlzähne hervor, die wie Zahnräder in die untere Zahnreihe griffen.
Das Monster öffnete und schloss sein abartiges Maul im Sekundentakt und gab ein leises Röcheln von sich. Zwischendurch gab es Laute von sich, die wie höhnisches Lachen klangen.
So verharrte dieser entstellte Riese mindestens eine Minute und schaute von oben herab Tim genau in die Augen. Eine quälend lange Minute, wie eine Ewigkeit...
Schließlich fragte Tim keuchend, mit staubtrockener Kehle und Druck im Kopf, der ihm immer wieder schwindelig zumute werden ließ: „Zum Teufel, wer... wer bist du? Wo bin ich hier? Was hast du... mit... mir vor? Verdammte Scheiße...“
Als Antwort erntete er nur ein unverständliches Krächzen aus dem bizarren Maul des Unheimlichen, dessen beide Zahnreihen leise aufeinander kratzten. Tims Angst wurde immer mehr von Wut verdrängt.
„Was ist eigentlich dein Problem, du hässliche Missgeburt? Hör auf mit dem Bullshit und hol mich von der Decke runter! Verfluchter Bastard!“
Er begann, um sich zu schlagen und rammte seine Fäuste in den Bauch der Gestalt. Das nützte überhaupt nichts, denn das Ungetüm war zwar fettleibig, aber auch von knallharten Bauchmuskeln beschaffen, an denen die trommelnden Fäuste wie nichts abprallten.
Nur böses Lachen drang als Reaktion aus dem stählernen Maul. Auf einmal packte die linke Hand des Entstellten nach Tims rechter Faust und zog diese zu sich hoch.
In Richtung seines Stahlkiefers!
Noch ehe Tim überhaupt begriff, was geschah, steckte die Kreatur sich seinen Zeige-und Mittelfinger in den Rachen und biss die Stahlzähne zusammen.
Unter lautem Knacken wurden Tims Finger zwischen den Kiefern zermahlen und trennten sich vom Rest der Hand. Tim zog seine Hand zurück und schrie gellend auf, als er die beiden Stummel betrachtete, aus denen Blut schoss.
Sein Peiniger zerkaute die beiden Finger genüsslich und schluckte sie mitsamt Nägeln herunter. Das Blut lies er dabei über sein unheimliches Gebiss rinnen.
Und jetzt bemerkte Tim auch den rechten Arm des Unholdes, den dieser bisher auf dem Rücken verschränkt vor ihm verborgen hatte. Oder vielmehr das, was an der Stelle war, wo eigentlich ein rechter Arm hätte sein sollen:
Das abscheuliche Monster besaß überhaupt keinen rechten Arm!
Stattdessen befand sich an der Schulter eine längliche Stahlröhre, die über einen künstlichen Ellenbogen mit knappem Stahl-Unterarm verfügte, und am Ende dieses stummeligen Unterarmes befand sich – Tim traute seinen vor Entsetzen geweiteten Augen nicht – doch tatsächlich eine Hand-Kreissäge. Die Zähne des Sägeblattes starrten vor Blutflecken. Ein Anzeichen dafür, dass dieses Werkzeug immer wieder für recht blutige Taten benutzt wurde.
Trotz des Verlusts zwei seiner Finger und seiner lebensbedrohlichen Lage lachte Tim kurz auf über diese bizarre Erscheinung. Ein Wesen mit künstlichem Kiefer und einem mechanischem Roboterarm mit Kreissäge als Ersatz für einen rechten Arm stand vor ihm. War dieses Ungeheuer vom Set eines üblen Horrorstreifens entlaufen?
So etwas konnte es doch nicht geben!
Und doch war es Realität!
Der monströse Mann stieß unappetitlich schmatzende Laute aus und gab nun ein heiseres Gebrüll von sich, während er seine Säge immer kurz ein-und ausschaltete und sie ganz dicht vor Tims Bauch kreisen ließ, um seinem Opfer Angst vor einer bevorstehenden Tortur ein zu jagen.
Tim schrie verzweifelt: „Nein! Nein!!“
Und schon setzte der Schlächter seine Kreissäge am Unterleib des kopfüber vor ihm hängenden Opfers an, und das kreischende Tötungsinstrument drang in Tims Fleisch ein und bahnte sich seinen Weg von oben nach unten bis über den zuckenden Brustkorb.
Tim wurde bei lebendigem Leibe aufgeschlitzt!
Der Schmerz raubte ihm die Sinne, er schrie verzweifelt und zappelte, sein Blut spritzte in Strömen heraus und die Wanne unter ihm füllte sich mit dem auslaufenden Blut.
Wie bei einem Schwein im Schlachthof, das aber wenigstens seine Verarbeitung nicht mehr lebend miterleben musste. Ganz im Gegensatz zu Tim, der sein Blut wie einen roten Wasserfall vor seinem Gesicht nach unten fließen sehen musste.
Für ihn war es zu spät!
Langsam verlor er erst sein Bewusstsein und wenige Sekunden darauf sein Leben. Das Monster freute sich darüber, wie es mit dem Ausgelieferten spielen konnte und weidete sich an den Blutspritzern, die es besudelten.
Als er die Kreissäge ausschaltete, griff der Riese mit seiner linken Hand in den breiten Schlitz im Körper des toten Tim und wühlte lustvoll in den warmen Gedärmen, riss sie heraus, verteilte sie am Boden.

Die drei Studenten lagen auf ihren muffigen Matratzen im Blockhaus. Ihr Schlaf war unruhig. Kein Wunder nach dem Unfall vor wenigen Stunden, und auch Tims Verschwinden bereitete ihnen Sorgen.
Lediglich Helen gelang es schließlich, in einen tieferen Schlummer zu fallen, doch ihre beiden Freunde Greg und Beth, die Arm in Arm auf der Matratze am anderen Ende des Raumes lagen, schauten sich nur abwechselnd in die Augen und zum Fenster hinaus.
Greg flüsterte: „Au Mann, ist das eine schwüle Nacht. Ich fühle mich schon wieder wie ausgetrocknet.“
Beth stimmte zu: „Ja, ich könnte auch noch 'ne Erfrischung gebrauchen. Ich schwitze wie verrückt...“
„Wir sind doch auf dem Weg zu dieser Hütte hier an einem kleinen See vorbei gekommen...“
„Was meinst du jetzt?“
„Du hast ihn doch auch gesehen?“
„Natürlich. Worauf willst du hinaus?“
„Du braucht Abkühlung, ich brauch' Abkühlung. Das bietet sich doch förmlich an.“
„Du meinst... Baden? Jetzt um diese Zeit?“
„Warum nicht? Nur 'ne halbe Stunde vielleicht. Schlafen können wir doch beide eh nicht. Oder?“
Da war was dran. Beth ließ sich schließlich überreden. Sie wollten schnell zum See und sich erfrischen und auch schnellstmöglich wieder hier bei Helen sein. Wecken wollten sie sie nicht. So schlichen sie durch das Fenster hinaus in die warme Nacht...

Helen schreckte aus ihrem Schlummer hoch. Sie blickte sich im Raum um. Fahles Mondlicht fiel durch das offene Fenster herein.
Es war stickig und warm. Helen war durch geschwitzt.
Verwundert registrierte sie, dass sie allein war.
Wo waren Greg und Beth?
Helen suchte die Blockhütte ab. Auch der kauzige Gastgeber war weg! Helen schimpfte über ihre Freunde, dass sie sie zurück gelassen hatten. Oder war ihnen vielleicht etwas passiert? Wenn der Jäger mit Greg und Beth etwas angestellt hatte, wieso hatte er sie dann verschont und weiter schlafen lassen?
Mit einem gemischten Gefühl aus Ärger und Angst verließ auch Helen die Hütte.

Greg und Beth hatten nur eine Viertelstunde Fußweg zurück gelegt. Nun standen sie an dem See, auf dem sich der Vollmond reflektierte und die Umgebung in ein Licht eintauchte, das dem See einen düsterromantischen Touch einhauchte.
Greg ließ in Windeseile erst sein T-Shirt und dann seine Hosen fallen. Splitternackt stand er vor Beth, die seinen Körper von oben bis unten betrachtete, sich aber noch zierte.
Vergnügt hüpfte der junge Kerl am Ufer entlang und nahm Anlauf in den See. Er tauchte kurz unter, und als er wieder auftauchte, ragte das Wasser ihm bis zum Brustkorb.
„Los, du ängstliches Mäuschen, komm schon rein! Das Wasser ist herrlich frisch!“ rief er seiner Freundin zu.
Jetzt huschte ein freudiges Lächeln über Beth's Gesicht.
„Okay, du böser kleiner Schlingel. Wenn du es unbedingt willst...“ murmelte sie und auch ihre Sachen landeten im Sand.
Nackt stand sie am Ufer und ging zuerst mit den Füßen ins Wasser.
Greg rannte plötzlich auf sie zu, und packte sie. Sie schrie erschrocken auf.
Greg trug sie auf seinen Armen wie ein Bräutigam seine Braut über die Schwelle.
„Lass mich runter!“ kreischte Beth und zappelte.
Greg lachte nur schelmisch und mit ihr auf den Armen rannte er ins kalte Nass.
Zuerst schimpfte sie mit ihm, aber er lachte nur und spritzte ihr Wasser ins Gesicht. Und nach wenigen Augenblicken lachten sie beide erfreut über die Erfrischung.
Sie ahnten beide ja nicht, dass wenige Meter vom Ufer entfernt jemand hinter Büschen verborgen war und sie genau beobachtete. Der Betrachter atmete schwer und ließ die Beiden nicht aus den Augen.
Nach wenigen Minuten watete Beth zum Ufer zurück.
Greg, der noch weiter hinaus gekrault war und keinen Boden mehr unter Füßen hatte, rief ihr leicht irritiert nach: „He Sweetheart, wo willst du denn jetzt schon hin?“
„Ich will wieder raus aus dem See...“
„Ach Mensch, jetzt schon?“
„Ja, laß uns zur Hütte zurück gehen.“
„Warum hast du's so eilig?“
„Wenn Helen aufwacht und wir sind nicht bei ihr, macht sie sich doch bestimmt Sorgen.“
„Meinst du?“
„Überleg' doch mal. Erst ist Tim spurlos verschwunden, und nun auch noch wir. Und sie ganz alleine...“
Greg dachte einen Moment nach und antwortete: „Na gut, hast Recht. Ich komm' auch raus!“
Er schwamm auf das Ufer zu, als Beth schon längst aus dem Wasser gestiegen war und ihre Klamotten zusammen suchte.
Der heimliche Beobachter hinter den Büschen weidete sich am Anblick von Beth's nacktem Körper. Aber er hielt sich gut versteckt. Plötzlich zertrat er jedoch einen Zweig zu seinen Füßen. Greg horchte auf.
Beth fragte: „Was hast du?“
„Ich hab' da hinten was gehört. Dort im Busch.“
Greg deutete auf ein Gebüsch rund fünf Meter entfernt an der Grenze vom Seeufer zum Wald.
„He, wo willst du hin? Da ist doch nichts,“ sagte Beth, als Greg auf den Busch zuging.
Er antwortete: „Davon überzeug' ich mich selbst. Keine Lust auf irgendeinen Spanner oder so was...“
Beth hatte nun aber genug und wollte sich wieder anziehen. Als Greg den Busch erreicht hatte, sah er nichts Verdächtiges.
Er schaute angestrengt in das dunkle Gewirr aus Zweigen und Blättern, dann wandte er sich ab und rief Beth zu: „Hier ist wirklich nichts. War wohl Einbildung.“
Beth hatte inzwischen ihren Slip wieder hochgezogen und antwortete: „Das will ich meinen. Los komm' jetzt. Wir hauen auch endlich ab.“
„Meinst du wirklich? Du hast es wirklich eilig. Helen wird schon nicht so schnell aufwachen, wär' ja ein Riesenzufall, wenn sie uns vermissen...“
Greg kam nicht mehr dazu, weiter zu sprechen, denn von hinten schlich sich jemand heran. Das plötzliche Kreischen eines Werkzeugs ließ den erschrockenen Jungen auf dem Absatz herum fahren!
Vor ihm blitzte tatsächlich eine Handkreissäge auf! Vom Sägeblatt fehlte jegliche Schutzvorrichtung, blank präsentierte sie sich seinen entsetzten Augen. Das rotierende Blatt grub sich sofort in sein Gesicht!
Beth schrie vor Panik auf, als sie sah, wie in wenigen Metern Entfernung im Halbdunkel eine monströse Gestalt mit einer irrsinnig lauten Kreissäge weiter auf den tot zusammensackenden Greg los ging. Blut spritzte nach allen Seiten, denn Beth's Freund wurde mehr und mehr verstümmelt! Der Angreifer war in einem totalen Blutrausch und trieb sein Mordinstrument immer wieder in den blutenden Körper.
Beth hielt es nicht mehr aus. Schreibend lief sie los. In den Wald hinein. Nur fort von hier!
Das einzige, was sie auf dem Leib trug, war ihr Slip. Ihre großen Brüste schwangen hin und her und sie scheuerte sich die Füße wund, als sie so schnell rannte wie noch nie zuvor in ihrem jungen Leben. Das Geräusch der Kreissäge hinter ihr kam näher. Der Killer hatte die Verfolgung aufgenommen!
Als sie sich kurz umblickte, gefror ihr das Blut in den Adern!
Eine riesenhafte Gestalt setzte ihr mit großen Schritten nach. Der Hüne schlug nach allen Seiten mit der Kreissäge aus, um Äste, die ihm in den Weg kamen, von den Bäumen zu entfernen. Und was war das überhaupt für eine Gestalt?
Beth sah nur bruchstückhaft, dass ihr Verfolger ein abstoßendes Gesicht mit einem recht unmenschlichen Gebiss besaß. Was genau daran so unmenschlich war, konnte sie nicht sehen, denn sie wäre nun beim Laufen beinahe gestolpert und richtete den Blick wieder nach vorne. Sie hielt sich beim Sprinten die Ohren zu, denn sie ertrug das kreischende Geräusch der Säge einfach nicht mehr.
Sie schrie aus Leibeskräften! Ihr Herz raste, und sie fühlte sich, als würde ihr Brustkorb jeden Moment zerreißen!
Zweige klatschten ihr ins Gesicht, ihre Haut wurde an verschiedensten Stellen blutig gerissen. In ihren Waden schienen rostige Nägel zu stecken.
Weiter! Nur weiter! Das Adrenalin, der Instinkt, sich zu retten, trieb sie mehr schlecht als recht voran.
Mit dem linken Fuß war sie in irgend etwas Spitzes getreten. Die Fußsohle brannte wie Feuer!
Unbarmherzig kam das Geräusch der Kreissäge von hinten näher. Sie konnte keine richtige Distanz mehr aufbauen. Im Gegenteil! Der Abstand zwischen ihr und dem Mörder wurde immer geringer...
Da passierte es plötzlich!
Beth stolperte über eine aus dem Boden ragende Baumwurzel. Der Länge nach fiel sie zu Boden.
In ihren Aufschrei mischten sich Schmerzen und Angst. War sie nun verloren?

Helen war hochgradig verärgert darüber, dass ihre Freunde sie allein in der Hütte zurück gelassen hatten. Leise vor sich hin fluchend durchstreifte sie den Wald. Sie zuckte erschrocken zusammen, als sie aus weiter Ferne ein Maschinengeräusch vernahm. Neugierig lief sie das Geräusch zu. Als sie näher kam, kam es ihr so vor, als hörte sie eine Kreissäge.
Waren hier etwa Holzfäller am Werke? Um diese Zeit?
Sie war bestimmt noch 50 Meter von der Geräuschquelle entfernt.
Sie rannte drauf zu und rief dabei: „Hallo? Ist da wer? Hört mich jemand?“

Als er die rufende Stimme einer Frau vernahm, hielt der Killer inne und schaltete die Säge aus.
Beth zu seinen Füßen war noch nicht tot!
Sie dämmerte halb bewusstlos vor sich hin und schluchzte leise. Ihr Körper war von unzähligen Wunden übersät. Der Unheimliche, dessen unansehnliches Gesicht halbwegs im Dunkel verborgen blieb, ließ sein Opfer erst mal links liegen und verschwand. Er legte sich auf die Lauer.
Marc Gore
 
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Re: The Terror Of Alabama

Beitragvon Marc Gore » 13. Mär 2011 12:50

Helen kam näher. Als sie knapp 15 Meter vor sich eine nackte Frau auf einer Lichtung liegen sah, verstummten ihre Rufe. Sie bekam eine Gänsehaut. War das eine Leiche? Die Frau lag auf dem Bauch, nur mit einem Slip bekleidet.
Helen erkannte, dass die Reglose durch und durch mit Blut beschmiert war.
Zögerlich trat sie näher heran, und die liegende Frau hob plötzlich den Kopf.
Helen stieß einen Schrei aus, als sie Beth erkannte. Was war bloß mit ihr los? Wie zu Stein erstarrt stand Helen da und beobachtete, wie Beth auf sie zu kroch.
Und jetzt erkannte die geschockte Helen, dass ihrer Freundin ein Bein fehlte!
Genau auf Gesäßhöhe war das linke Bein mit einem Schneidewerkzeug abgetrennt worden. Wer war für diese Amputation verantwortlich?
Die halbtote Beth zog eine breite Blutspur aus dem Loch, an dem vorher ihr Bein gesessen hatte, hinter sich her. Ihr konnte niemand mehr helfen. Ihr Schicksal zu verbluten, war unausweichlich.
„Hilf mir... Bitte... Tu was...“ keuchte Beth, während Blut über ihre Lippen floss.
Sie breitete den rechten Arm aus und tastete nach der verängstigten Helen.
„Beth! Beth... Meine Güte... Was ist passiert?“ stammelte Helen nur, dann baute sich plötzlich eine riesige Gestalt über der am Boden liegenden Beth, die langsam ihr Leben aushauchte, auf.
Helen schrie wieder auf und sah dem Monstrum von einem Mann genau in die Augen. Augen, die vor Mordlust funkelten!
Wie Tim zuvor konnte Helen das unheimliche Gesicht genau sehen, denn es wurde vom Mond angeschien. Den Monsterkiefer und die vielen Narben. Und dass dem Mörder der rechte Arm fehlte...
Was sie anstelle dessen sah, war der mechanische Arm mit der Kreissäge am Ende. Daher also das Geräusch, auf das sie zu gerannt war. Der Verunstaltete stellte seinen rechten Fuß auf Beth's Rücken und drückte die hilflose Frau zu Boden.
Die Kreissäge schrillte wieder auf und spielte ihre Melodie des Todes.
Wie einen Pendel ließ der Hüne das rotierende Blatt dicht über Beth's Nacken hin und her schwingen.
Dabei sah er Helen unbeirrt ins Gesicht. Er wollte ihr genau demonstrieren, was er vorhatte. Ganz plötzlich senkte er die schwingende Säge und durchtrennte den Nacken seines Opfers wie weiche Butter. Der Kopf trennte sich vom Rumpf und rollte ein paar Zentimeter auf Helen zu.
„Nein!! Nein!!“ schrie diese auf und drehte sich blitzartig um.
Sie lief so schnell sie konnte in den Wald hinein.
Wo war nur die verdammte Blockhütte? Sie fand den Weg nicht mehr! Planlos ging ihre Flucht weiter. Und löste, wie nicht anders zu erwarten war, bei dem Mörder wieder seinen Jagdinstinkt aus.
Ihren Verfolger wenige Yards im Rücken lief Helen um ihr Leben. Jetzt wurde ihr zum Vorteil, dass sie schon immer sehr gut im Laufen gewesen war und schon von früher Kindheit an Sprintwettbewerbe mit einigen beachtlichen Erfolgen absolviert hatte. Sie konnte den Riesen tatsächlich weitgehend abhängen.
Das Geräusch der Kreissäge hinter sich vernahm sie immer leiser. Irgendwann war es nur noch ganz dumpf in weiter Ferne zu vernehmen, schließlich überhaupt nicht mehr. Der Mörder musste sein Gerät wieder ausgeschaltet haben.
Helen tastete sich im dunklen Wald vorwärts. Bei dem großen Vorsprung konnte sie es sich leisten, vorsichtig und überlegt durch den unbekannten Wald zu gehen. Kein Zweifel- Sie hatte sich verlaufen!
Wer sollte ihr jetzt noch helfen können? Sie musste hier irgendwie einen Weg zur Straße finden. Verzweifelt irrte sie umher, da sah sie nicht weit von sich entfernt ein Haus.
Ein Haus! Vielleicht Menschen! Eine mögliche Rettung!
Sie strahlte vor Freude und lief schneller. Auf das Haus zu. Doch je näher sie dem Gebäude kam, desto ernüchterter wurde sie. War es überhaupt bewohnt? Es sah reichlich verkommen aus. Schmutzige Wände, dunkle verdreckte Fenster ohne Anzeichen von Leben dahinter, eine ziemlich zerkratzte Haustür.
Wenn hier jemand drin lebte, dann legte er bestimmt keinen Wert auf gutes Wohnen...
Beinahe überrascht bemerkte Helen, dass an der Tür eine Klingel befestigt war, die auch tatsächlich funktionierte. Vielleicht war es drinnen ja auch nur dunkel, weil der Bewohner schlief. Es war immerhin schon fast Drei Uhr.
Helen klingelte Sturm und rief: „Hallo! Hallo? Wohnt hier jemand? Machen Sie auf! Bitte!“
Als sie an der Tür horchte, vernahm sie nichts. Das Haus schien verlassen zu sein.
Schluchzend sank sie zu Boden. Wasserfallartig schossen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie fühlte sich allein in dem großen unbekannten Wald. Die Verzweiflung überkam sie: Sie hatte ihre beste Freundin sterben gesehen. Und die beiden Jungs waren bestimmt auch nicht mehr am Leben.
Nach etwa einer Minute hörte sie plötzlich doch Schritte von drinnen!
Sie schoss in die Höhe und stand auf wackeligen Beinen. Im Haus war also doch jemand. Knarrend öffnete sich die Tür.
Eine ältere, dicke Frau Mitte 60 stand in der Tür. Doppelkinn, kaum größer als 1,50 Meter und Jahrzehnte altes Kleid mit Schürze. Sie trug eine schwere Brille mit dicken Rändern, hinter deren Gläsern die Augen riesig wiedergegeben wurden.
Unter anderen Umständen hätte Helen bestimmt über diese kuriose Erscheinung geschmunzelt, doch in ihrer Lage war ihr jeglicher Humor abhanden gekommen.
Die Stimme der Alten klang schrill, so ähnlich wie sie von bösen alten Hexen in Märchenbüchern beschrieben wird: „Ja? Kindchen, wer bist du? Was kann ich für dich tun?“
„Ich bin so froh, dass doch jemand zu hause ist. Ich dachte, hier lebt niemand...“
„Du musst entschuldigen, meine Tochter und ich hatten den Fernseher sehr laut gestellt.“
„Fernseher? Aber es brannte auch kein Licht im Haus.“
„Wir machen es uns immer im Dunklen gemütlich vor dem Fernseher. Komm doch herein, Kindchen. Wir freuen uns, wenn wir helfen können...“
Helen fiel ein Stein vom Herzen. Diese Frau wurde ihr bestimmt nicht gefährlich. Vielleicht wendete sich nun doch noch alles zum Guten.
Im Haus war es immer noch dunkel. Plötzlich erhellte sich der Hausflur. Die Tochter des Hauses war gekommen und hatte einen Lichtschalter betätigt.
“Guten Abend, Miss.. Mein Name ist Selma.“ sagte die junge Frau höflich.
Die Tochter hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit der Mutter. Alte, abgetragene Kleidung trugen sie beide, aber man konnte deutlich sehen, dass Selma eine betörend schöne Frau war. Alles andere als klein und unförmlich wie ihre Mutter neben sich.
Ende 20, etwas über 1,70 Meter, lange blonde Haare, die zu beiden Seiten des Kopfes zu je einem Zopf zusammen gebunden waren. Ein Mädchen-Look vergangener Zeit. Offen waren ihre Haare sicherlich eine beachtliche Mähne. Passend zu der alten Frisur war auch das lange rote Kleid altmodisch. Das Gesicht war jedoch bildhübsch. Einen Mann könnte sie theoretisch locker verführen mit passenderer Kleidung und offenen Haaren. Aber dazu wirkte sie zu sehr in sich gekehrt. Jedenfalls bis jetzt.
Vor Helen standen eben zwei weitere Rednecks, für die die Zeit wohl stehen geblieben war. Helen reichte Selma die zitternde Hand, erwiderte den Gruß und nannte auch ihren Namen.
Die Mutter führte die Besucherin in eine Wohnstube, in der tatsächlich ein Fernseher stand. Ein altes Gerät mit Farbstörungen, der Ton war abgestellt.
„Mein Name ist übrigens Sally. Verzeih mir, ich habe noch gar nicht daran gedacht, mich selbst vorzustellen,“ lächelte die pummelige Mutter Helen zu.
Helen lächelte ihr kurz zu, dann erzählte sie aufgeregt vom Unfall, den Irrweg durch den Wald, den Jäger in der Blockhütte und schließlich ihrem unheimlichen Verfolger. Sally und Selma hörten ihr aufmerksam zu.
„Ist ja schrecklich, dass in unserem Wald so ein Monster unterwegs ist. Meine Güte Kindchen, du musst furchtbares erlebt haben. Leider haben wir hier draußen aber kein funktionierendes Telefon,“ sagte Sally bedauernd.
„Die Telefonleitungen sind schon lange hinüber. Keiner kümmert sich drum,“ ergänzte Selma.
Selma sprach sonst eigentlich gar nicht, ihre Mutter hatte das Wort und diese bot Helen an, die Nacht mit ihnen im Haus zu verbringen. Auch Sallys Mann sollte jeden Moment zurück sein. Er war mit seinem Pick Up unterwegs, Besorgungen machen. Wenn er wieder zuhause war, wollten sie beratschlagen, was zu tun war. Am nächsten Morgen vielleicht Hilfe holen...
Mutter und Tochter setzten sich vor den flackernden Kamin im Wohnzimmer und baten Helen an, sich zu ihnen zu gesellen.
Dann sagte Sally: „Wir müssen dir ja ein wenig merkwürdig vorkommen, weil wir hier so zurück gezogen wohnen...“
Helen schüttelte den Kopf: „Nein nein, ist vollkommen in Ordnung...“
„Nett von dir. Ich möchte nur, dass du uns besser verstehst. Wir müssen leider so abgelegen im Wald leben. Es ist wegen meinem Sohn. Selmas Bruder. Er lebt unten im Keller. Er ist schrecklich krank.“
„Erbfehler,“ warf Selma ein.
Sally erzählte weiter: „Er hat einen übermäßigen Haarwuchs. Beinahe wie Fell eines Tieres. Dafür schämt er sich schrecklich, und wir wollen vermeiden, ihn mit der Zivilisation zu konfrontieren.“
Helen überkam auf einmal wieder panische Angst, und sie schreckte von ihrem Sessel hoch. Ihre beiden Gastgeberinnen lächelten ihr jedoch freundlich zu und versicherten ihr, der Junge im Keller wäre eben ganz bestimmt nicht der Kreissägenschwinger. Doch Helen konnte es nicht so recht glauben. Schon dachte sie daran, sich davon zu machen, da war von draußen ein Motorengeräusch zu hören.
„Mein Mann ist wieder da,“ freute Sally sich.
Als Helen aus dem Fenster blickte, sah sie einen uralten Pick Up vor dem Haus parken.
Ein '72er Chevrolet LUV. Den Fahrer und Beifahrer, die aus dem Pick Up stiegen, konnte Helen im Dunkel der Nacht nicht erkennen. Aus den Augenwinkeln sah sie jedoch, dass auf der Ladefläche etwas transportiert wurde, das in Planen eingewickelt war. Als sie sich vom Fenster abwandte, sah sie wieder in die Gesichter dieser ach so freundlichen, aber immer unheimlicher wirkenden Gastgeber. Sie bekam weiche Knie, als sie das Klicken an der Haustür vernahm. Langsam verließ sie das Wohnzimmer, verfolgt von den Blicken Sallys und Selmas, Richtung Flur, da kam ihr auch schon der Fahrer des Vans entgegen. Sie zuckte zusammen. Es war Joe, der Jäger. Sein Mitfahrer befand sich nicht bei ihm. Der war wahrscheinlich mit der Ware auf dem Chevy beschäftigt.
Joe war überrascht – Oder tat zumindest so – sie hier vorzufinden und erkundigte sich danach, was sie hier bei ihm zuhause denn suche.
Helen versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben: „Sie waren plötzlich nicht mehr in der Hütte.“
„Ja. Ich mußte noch was besorgen. Und Sie haben so friedlich geschlafen,“ lächelte Joe.
„Haben Sie meine Freunde gesehen? Sie waren plötzlich aus der Hütte verschwunden. Während ich schlief!“ rief Helen aufgeregt.
„Ich kann dich beruhigen, Mädchen. Mein guter Sohn hat deine Freunde gefunden. Am See,“ antwortete Joe unbeirrt lächelnd.
Helen verstand nicht recht: „See?“
„Sie haben dich in meiner Jagdhütte im Stich gelassen. Feine Bande, was? Aber mein Sohn hat sie eingesammelt und sicher im Pick Up verstaut.“
„Sie sind in Ihrem Wagen?“
„Sicher. Und du hast meinen Sohn doch auch schon kennen gelernt. Er ist ein sehr begabter Handwerker. Er kann mit allen Werkzeugen perfekt umgehen, sie sind sozusagen Teile von ihm. Vor allem seine... K r e i s s ä g e.“
Helen war zu Tode geschockt. Ihre letzten Zweifel waren beseitigt. Der letzte Funken Hoffnung auf einen Irrtum erloschen. Joe und seine Frau und Tochter steckten mit dem blutrünstigen Killer aus dem Wald unter einer Decke. Er war also ein Sohn des Hauses. Und wahrscheinlich lauerte im Keller ein weiterer Mörder auf sein nächstes Opfer...
Helen war sich sicher: „Sie... Sie wohnen also gar nicht in dem Blockhaus...“
„Mädchen, das Blockhaus, in dem ich euch einquartiert hatte, nutze ich nur hin und wieder, wenn ich auf der Jagd bin, um mal 'ne Nacht dort zu verbringen. Ansonsten wohne ich hier in diesem schönen großen Haus mit meiner reizenden kleinen Familie.“
„Dann hätten Sie uns doch gleich schon in Ihrer Hütte umbringen können mit dem Gewehr! Wozu die ganzen Spielchen“ schrie Helen in ohnmächtiger Wut.
Joe redete in aller Gemütsruhe weiter: „Mein guter Sohn war doch noch gar nicht zurück. Er wollte nichts verpassen. Und weißt du, für Jäger wie uns ist es recht spannend, zu beobachten, was die Beute so tut, wenn sie sich sicher fühlt. Der Ausflug zum See hat meinen Sohn sehr gefreut. Dank an deine Freunde für diesen tollen Einfall.“
Mit eiskalten Gesichtern starrten Joe, Sally und Selma Helen an. Es waren entschlossene Gesichter. Ihre Augen funkelten boshaft.
Joe verzog sein Gesicht. Er kniff die buschigen Augenbrauen zusammen und seine Zähne waren gefletscht wie bei einem Tier. Auch Sally hatte nun trotz ihrer plumpen und kleinen Statur kaum noch etwas von ihrer komischen Ausstrahlung. O nein, sie wirkte bedrohlich. Ihre Augen rollten mordlüsternd. Ihre Lippen zuckten und formten ein schaurig böses Grinsen. Selmas Gesicht war einfach nur maskenhaft starr. Ihre leuchtenden Augen verliehen ihr ein unheimliches Charisma.
Helen schüttelte den Kopf. Sie wollte es einfach nicht wahr haben.
„Nein. Nein. Nein...“ sagte sie nur leise und ging im Zeitlupentempo ein paar Schritte rückwärts vom Flur an der schaurigen Familie vorbei zurück ins Wohnzimmer.
„S i e haben unseren Unfall verursacht! Ihretwegen sind wir mit unserem Van verunglückt!“ platzte es jetzt aus Helen heraus, sie richtete sich dabei an Joe, der ihr zusammen mit Sally und Selma ruhig ins Wohnzimmer folgte.
Weshalb sonst sollte Joe quasi in der Blockhütte bereit gestanden haben, um die Clique zu empfangen? Er hatte natürlich damit gerechnet, dass die Studenten die Hütte früher oder später finden, wenn sie nur ein wenig durch den Wald irrten. Und falls nicht, hätte der unheimliche Kreissägenkiller die Opfer schon in Joes Arme getrieben.
Und wie aus dem Nichts sprang dann auch plötzlich das Stahlmonster in den Türrahmen des Wohnzimmers, und als es seine Kreissäge laut ertönen ließ, stieß Helen spitze Schreie aus. Keinen Meter vor ihr stand er nun, der abstoßende Sohn der Horror-Familie. Sein unheimliches Gebiss öffnete und schloss sich im Sekundentakt und er hielt sein dröhnendes Werkzeug hoch. Die Augen im vernarbten Gesicht starrten die junge Frau durchdringend und lauernd an.
„Tools! Schluß!“ brüllte Joe plötzlich in das Getöse der Säge hinein.
Tools. So wurde der Entstellte also genannt.
Der Hüne schaltete das Gerät aus und blickte seinen Vater stumm an. Seine Kiefer hielt er zusammen gepresst. Das Ungeheuer war am ganzen Körper besudelt von Blut.
Sally schüttelte den Kopf: „Mein Sohn, du kleckerst aber auch immer viel zu viel beim Jagen. Wer macht nachher die ganze Sauerei wieder sauber? Zur Strafe steht dir unsere Besucherin hier erst mal nicht zum Spielen zur Verfügung.“
Joe sprach weiter: „Jetzt ist sowieso erst mal dein Bruder dran. Unser Gast wird die Nacht bei ihm verbringen,“ sagte Joe jetzt wieder ganz ruhig und warf der zitternden Helen ein böses Grinsen zu.
Bei dem Bruder eine Nacht verbringen... Mit diesem höchstwahrscheinlich verunstalteten Freak im Keller? Diese Aussicht brachte Helen beinahe um den Verstand.
Tools zögerte nicht lange und mit dem vorhandenen linken Arm umschlang er sie und riss sie in die Höhe. Sie schrie, strampelte, schlug um sich, doch der Arm rührte sich keinen Millimeter. Wie ein dickes Seil hielt er sie fest umklammert. Sie trat mit den Füßen um sich und trommelte mit ihren Fäusten auf die fleischige Hand, versuchte, den Arm weg zu drücken. Das Ungeheuer schleppte sie fort, Joe ging hinterher.
Es ging eine Steintreppe hinunter in den Keller.
Joe ging jetzt voran, hinter ihm Tools mit der zappelnden und schreienden Helen fest an sich gedrückt. Erst als sie unten im Keller angekommen waren, stellte der Schlächter sie wieder auf den Boden. Aber er verstellte ihr den Weg zurück die Treppe hinauf.
Helen stand wie zu Stein erstarrt da, als sie den Käfig im Halbdunkel des Kellergewölbes sah, keine drei Meter von der Treppe weg.
Ein gellender Schrei entfuhr ihrer Kehle!
In dem vielleicht eineinhalb Meter hohem und zweieinhalb Meter langen Käfig hockte eine von Kopf bis Fuß behaarte Gestalt, rüttelte an den eisernen Gitterstäben und stieß unmenschliches Gebrüll aus.
Eine Alptraumgestalt! Eine Mischung aus Mann und Tier! Im wahrsten Sinne des Wortes ein Affenmensch. Es musste dieser genetische Schaden sein, den die unheimliche Familie erwähnt hatte.
Das Antlitz der Kreatur war einigermaßen menschlich, aber total von Fell bedeckt.
Die Arme des Ungetüms waren viel zu lang für einen Menschen, länger noch als seine Beine.
Die Handrücken, man sollte besser sagen Oberflächen der klobigen Pranken, schabten über das Heu, mit dem der Käfigboden ausgelegt war.
Joe schnappte sich eine Stange, die neben der Treppe an der Wand lehnte, und den Käfigschlüssel, der daneben an einem Harken hing. Erneut wurde Helen vom Stahlmonster angefasst. Diesmal schubste er die Frau lediglich vor sich her. Neben Joe auf den Käfig zu. Helen schrie verängstigt. Die Mischung aus Affe und Mensch im Käfig rüttelte aufgeregter an den Gitterstäben.
„Zurück!“ befahl Joe hart und schob die Stange zwischen die Stäbe.
Er berührte den Bauch des Gefangenen, und es zischte laut auf. Der Affe fuhr schreiend zurück von der Käfigtür. Nun verstand Helen, dass die Stange ein Elektrostab war. Offensichtlich hatte auch der Vater des Mutanten keine andere Möglichkeit, seinen degenerierten Sohn im Zaum zu halten.
Joe öffnete mit dem Schlüssel die Käfigtür, dabei ließ er seinen haarigen Sohn nicht aus den Augen, der den Elektrostab respektvoll beäugte und wie ein Häufchen Elend in der hintersten Ecke des Käfigs kauerte.
Joe wandte sich an seinen anderen Sohn Tools: „Wirf die Kleine hinein.“
Die linke Hand des Riesen packte Helen und drückte sie auf den geöffneten Käfig zu.
„Nein... Nein...“ sagte Helen erst leise, und als ihr Kopf durch die offene Käfigtür hinein gedrückt wurde, fing sie wieder an zu zappeln und zu schreien: „Nein!! Ich will nicht!! Ich will nicht!! Lasst mich gehen!! Ihr Scheusale!!“
Ein kurzer Ruck seitens Tools genügte, und die Frau plumpste wie ein nasser Sack in den Käfig. Joe schlug sofort die Tür zu und verschloss sie.
„Angenehme Nachtruhe, mein lieber Sohn!“ rief Joe dem Affenähnlichen zu und an Tools gewandt: „Lassen wir die beiden jetzt allein. Morgen zum Barbecue holen wir unseren Gast wieder raus.“
Vater und Sohn gingen Richtung Treppe und ließen Helen zurück. Sie drehten sich kein einziges Mal mehr um, als sie die Treppe hinauf gingen.
Der rettende Schlüssel hing genau neben der Kellertreppe an der Wand, vom Käfig aus deutlich sichtbar. Was für eine seelische Folter! Der Behaarte saß immer noch in der Käfigecke und glotzte Helen an, die sich ihm gegenüber in die andere Käfigecke duckte und ihn aus vor Angst geweiteten Augen anstarrte. Ihre Haut war schneeweiß angelaufen. Erst als Joe und das Stahlmaul außer Sichtweite waren und die Kellerluke oben zufiel, kam Leben in den Affenmenschen. Sein mutierter Körper zuckte! Langsam erhob er sich, so weit es ihm möglich war. Er konnte nur arg geduckt stehen, denn der Käfig war zu niedrig.
Helen schüttelte den Kopf, als sie das Ungetüm auf sich zukommen sah, brachte aber nur noch ein Wimmern über die Lippen ihres weit aufgerissenen Mundes.
„Mädchen... Schönes... Ich mögen...“ stammelte das Wesen und ihm ran unaufhörlich Sabber über die wulstigen Lippen.
Das verblüffte Helen, denn damit hatte sie wirklich nicht gerechnet: Das Vieh konnte sprechen!
Wenn auch nur stammelnd, lediglich vereinzelte Worte. Es war ein Mann, wenn auch nur ein stark Mutierter. Und geistig offensichtlich sehr zurück geblieben bei dieser primitiven Art zu sprechen. Geistig und körperlich schwer behindert und mutiert, ein Mittelding zwischen Mann und Affe. So was stand Helen gegenüber, und sie hatte keine Chance zu entkommen. Wollte das Ungeheuer sie etwa umbringen? Das würde sich aber nicht mit Joes Aussage decken, er wolle sie morgen wieder aus dem Käfig holen.
Oder wie?
Oder hatte das Monster etwas ganz anderes mit ihr vor? In ihr keimte ein ungeheuerlicher Verdacht, denn schließlich funkelten die Augen des Mutanten vor Lust!
Helen drückte sich mit dem Rücken gegen die Gitterstäbe, als würde dies etwas nützen. Das Ungeheuer war jetzt ganz dicht bei ihr und beugte sich immer weiter zu ihr herunter.
„Du mir gefallen...“ hauchte es leise, während sich sein Kopf immer weiter neigte und sich Helens Gesicht näherte.
Schaum trat vor seine Lippen und tropfte über Helen, die ihr Gesicht angeekelt verzog. Auch vernahm sie immer mehr den beißenden, nach Fäulnis stinkenden Atem der Missgeburt. Jetzt streckte das Vieh auch noch seine rechte Pranke aus und wischte ein paar Haare aus dem Gesicht der zitternden Frau. Sein Maul war ihrem Mund und Nase so nahe jetzt, so verdammt nahe, und sie sah genau die von braunem Belag befallenen, gammeligen Zähne.
Als er weiter redete, blies er ihr wieder diesen warmen, abartig riechenden Atem ins Gesicht: „Du sehr schön... Ich dich wollen...“
Jetzt war es raus! Was Helen bis jetzt nicht zu glauben gewagt hatte, schien für sie bittere Realität zu werden: Das Monster wollte sich an ihr vergehen! Sie versuchte jetzt, sich zu wehren. Stieß Schreie aus, zappelte, schlug mit den Fäusten gegen den Kopf des Affenmenschen, der sich dadurch aber nicht beirren ließ. Unaufhaltsam steckte er seine haarigen Pranken unter ihr T-Shirt und riss den BH heraus. Auch das T-Shirt wurde teilweise zerfetzt, als das Monster anfing, die Brüste seines Opfers zu kneten.
Helen schrie aus Leibeskräften und focht ihren aussichtslosen Kampf gegen die Schreckgestalt. Unerbittlich presste diese Laune der Natur ihre dicken Lippen auf Helens Gesicht und duschte es förmlich in klebrigem Schaum aus seinem Rachen, der nach Tod und Verwesung stank, so dass es Helen fast die Sinne raubte. Überall an ihrem Körper spürte sie das Fell gieriger Monsterpranken, die überall hin grabschten.
Allerdings geschah auch nicht mehr als Betatschen. Nach einigen qualvoll langen Minuten ließ das Ungetüm plötzlich von ihr ab und glotzte sie nur noch an.
Als Helen an dem behaarten Körper ihres Peinigers hinunter blickte, sah sie, dass dieses Tier zwar einen Ständer hatte, aber nicht versuchte, diesen an ihr zu befriedigen. Stattdessen setzte der Affe sich hin und begann, mit seiner eigenen Rechten daran herum zu spielen. Helen konnte noch gar nicht fassen, was sie sah. Anscheinend war der Mutierte nicht nur körperlich deformiert, sondern auch nicht intelligent genug, eine Vergewaltigung auszuführen. Das Berühren ihres Körpers hatte ihn angeheizt, und jetzt stillte er seinen Trieb, den er nicht anders befriedigen konnte als mit seiner eigenen Hand.
Helen war zwar froh, dass er von ihr abgelassen hatte und das Schlimmste ihr wahrscheinlich erspart blieb, aber ihre Angst wurde dadurch nicht weniger. Außer Gefahr war sie schließlich nicht.
Ihr kam fast der Mageninhalt hoch, als sie beobachtete, wie das Monster an sich spielte und dabei ein tierisches Schmatzen und Keuchen ausstieß. Es verspritzte ein paar Tropfen weißen Saftes über dem Stroh auf dem Käfigboden, dann lehnte es sich zurück. Seine Augen schlossen sich. Sein Atem beruhigte sich allmählich wieder.
Es sackte in sich zusammen und schlief doch tatsächlich einfach ein...
Helen hockte dem Tier gegenüber in der Ecke und vergrub ihren Kopf in die über ihren Knien verschränkten Armen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Der ganze Kummer und die Todesangst brachen aus ihr heraus, die Verzweiflung überkam sie. Schluchzend schlief sie vor Erschöpfung ein.

Es war gegen Mittag, als Joe seine Gefangene wieder aus dem Käfig holte. Sie hatte qualvolle Stunden hinter sich. Noch zwei Male hatte das Monster im Käfig sie befummelt und sich mehrere Male befriedigt. Ansonsten ihr nur gegenüber gesessen und sie mit Blicken durchbohrt. Es war der blanke Terror für die Frau gewesen.
Und was stand ihr nun bevor?
Joe hielt seinen monströsen Sohn wieder mit dem Elektrostab in Schach, während er die verängstigte Helen aus ihrem Gefängnis zerrte und sie mit dem Gewehr in Schach hielt, das er auch schon in der Blockhütte bei sich gehabt hatte.
„Hier, mein Sohn...“ rief Joe und warf seinem Sohn einen mit Fleisch gefüllten Napf hin.
Der Mutant machte sich wie ein Tier über sein Fressen her.
Joe wandte sich kurz der neben ihm auf wackeligen Beinen stehenden Helen zu: „Er mag es lieber roh. Am Barbecue nimmt er nicht teil.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, scheuchte er die wehrlose Frau die Treppe hinauf, aus dem Keller raus. Als er sie so vor sich her trieb über den Korridor Richtung Garten, kamen Selma und ihre Mutter den beiden entgegen.
Die dicke kleine Mutter hob ihre Brille kurz an und beäugte Helen. Der brutale Ausdruck in ihren Augen ließ sich nicht verleugnen, auch wenn sie zu einem Lächeln ansetzte.
„Kindchen, hast du gut geschlafen? Mein Sohn hat sich bestimmt gefreut, dass du ihm Gesellschaft leistetest.“
Die Tochter stand nur daneben wie eine Statistin. Sie guckte Helen zwar an, verzog aber keine Mine und sagte kein Wort. Helen wurde von Joe, der hinter ihr stand, gestoßen.
„Los jetzt, Kleine. Wir haben alle Hunger!“ herrschte er sie an.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und schrie ihm ins Gesicht: „Nein! Ich will nicht! Was wollt ihr überhaupt alle von mir? Ich will nicht mit euch essen! Ich will nur hier weg!“
Eine schallende Ohrfeige seitens Sally war die Antwort.
Die Mutter des Hauses schüttelte den Kopf und sagte mit gespieltem Bedauern: „Kindchen, Kindchen, das ist wirklich nicht nett von dir. Gar nicht nett. Du weißt unsere Gastfreundschaft absolut nicht zu schätzen. Wir haben doch so selten Gäste hier. Und unsere Barbecues sind immer was ganz besonderes. Du solltest dich freuen, es einmal miterleben zu können.“
Helen versuchte, nicht die Nerven zu verlieren. Aber die Angst raubte ihr beinahe die Besinnung. Sie schwitzte und zitterte, ihre Augen waren verquollen. Die Hausbesitzer ließen sich nicht erbarmen.
„Tools! Du kannst auch her kommen! Wir fangen jetzt an!“ rief Joe.
Und jetzt stapfte genau auf Kommando der gräßliche Killer durch die Tür herein. Helen unterdrückte ihren Schrei, als sich ihre und seine Blicke trafen. Das Stahlmaul schob einen langen Rolltisch vor sich her. Den militärischen Dress hatte der Hüne allerdings abgelegt. Tools war nun bekleidet wie ein Koch. Ein Horror-Koch wie aus einem Comic-Strip. Eine weiße Schürze vom Brustkorb bis runter zu den Schuhen. Etwas befremdlich wirkte der große Kochhut auf dem Stahlhelm. Da der Helm untrennbar mit dem Schädel verbunden war, hatte der Killer ihn nicht absetzen können, aber auf den weißen Hut eines Spezialitätenkochs hatte er offensichtlich nicht verzichten wollen. Doch für einen Lacher über dieses Auftreten war kein Platz, dafür war die Situation zu lebensgefährlich. Auf dem Rolltisch lag etwas unter einem großen weißen Tuch.
Sally meldete sich auf einmal zu Wort und legte Helen eine Hand auf die linke Schulter: „Kindchen, interessiert dich eigentlich, weshalb unser armer Junge so verstümmelt ist und seine fehlenden Körperteile durch Stahl ersetzen mussten?“
Helen blieb ihr eine Antwort schuldig, denn ihre Stimme versagte ihren Dienst beim Anblick dieses Robotermenschen, das den Tisch in den Raum geschoben hatte und die junge Frau mit leuchtenden Augen und starrem Blick durchbohrte.
Mutter Sally redete trotzdem weiter mit ihrer unangenehm schrillen Stimme und hob dabei aus reiner Gewohnheit ihre Brille an: „Mit ihm ist uns ein ganz besonderes Kunstwerk gelungen.“
Joe fuhr fort: „Weißt du, mein armer Junge hat sich beim Spielen sehr schlimm verletzt.“
Helen konnte nur stammeln: „Ver... Verletzt? Spielen?“
„Er hat immer so gern mit Sprengstoff gespielt. Eines Tages riss es ihm den Unterkiefer und den rechten Arm weg. Als er uns im schönen Sommer 1944 als ältester Sohn geboren wurde, haben wir ihn noch Bill genannt. Aber seit wir ihn so modifiziert haben, hört er nur noch auf den passenden Namen Tools. Das trifft seine Fähigkeiten, mit Mordwerkzeugen umzugehen, doch sehr gut, meinst du nicht? Tja, wie lange ist das nun her? Zehn Jahre. Er ist ein guter Junge und hat sich nach all diesen Jahren sehr gut abgefunden mit seiner kleinen Behinderung.“
Sally ergänzte: „Er hat wirklich eine wunderbare Begabung, wenn es um den Gebrauch seiner vielen kleinen Werkzeuge geht. Sein Arm ist richtig multi-funktionell.“
Selma hatte die ganze Zeit nur stumm da gestanden und ihre Eltern reden lassen.
Jetzt stimmte sie zu: „Ich bin stolz auf meinen Bruder.“
Das Monstrum von Sohnemann hob seinen besagten Arm und setzte die daran befestigte Kreissäge wieder in Gang. In das Kreischen des Werkzeugs mischte sich das panische Aufschreien von Helen, die sich die Ohren zu hielt und weitere Tränen vergoss. Tools lachte schmatzend und konnte dabei nur die Oberlippen über dem stählernen Unterkiefer bewegen. Ein Handzeichen seines Daddys genügte, und er ließ seine Säge wieder verstummen. Helen nahm ihre schützenden Hände wieder von den Ohren.
Joe kicherte: „Wir haben meinen Sohn doch hervorragend wieder zusammen geflickt, meinst du nicht? Sieh' mal, er ist für unseren Haushalt zu erstaunlichem Nutzen geworden.“
Ohne irgend eine weitere Anweisung abzuwarten, packte Tools die Kreissäge mit seiner gesunden linken Hand und drehte vor Helens ebenso verdutzten wie vor Angst weit aufgerissenen und tränenschimmernden Augen mit ein paar Handbewegungen das Mordwerkzeug ab.
Mit der linken Hand hielt er sein geliebtes Utensil hoch und an der Stelle, an der früher einmal sein rechter Arm gewesen war, hing nur noch ein metallener Stummel von der Schulter herab. Ein Stummel, an dessen Ende wahrscheinlich mehrere Werkzeuge befestigt werden konnten, vermutete Helen schon.
Stolz hielt Tools ihr kurz die Kreissäge mit den scharfen Zähnen, die mit verkrustetem Blut beschmiert waren, hin und als sie erschrocken zusammen zuckte, legte er die Maschine lässig auf den Stuhl neben sich. Mit der linken Hand zog er nun die Decke auf dem Rolltisch herunter. Was Helen nun sah, wollte sie einfach nicht glauben! Sie kämpfte gegen den Inhalt ihres Magens an, der ihr die Speiseröhre hoch kletterte.
Auf dem Tisch lag Tim! Der tote Tim!
Sein Kopf saß auf den Schultern einer vollkommen gehäuteten Leiche. Die Haut war von Tools fein säuberlich abgezogen worden. Blanke Sehnen, Muskeln und rotes Fleisch hafteten an den Knochen und ein paar Reste verkrusteten Blutes. Man sah dem Gesicht des Toten mit dem offenen Mund und den weit aufgerissenen Augen an, dass die letzten Sekunden seines jungen Lebens von Angst und Schmerz gezeichnet gewesen waren.
Helen schüttelte wild den Kopf und schrie: „Nein! Nein! Ihr Bestien! Mörder! Tiere!“
sie erntete nur höhnisches Gelächter und psychopathisch verzerrte Gesichter. An einer Flucht, die ihr kurz in den Sinn kam, war einfach nicht zu denken. Joe hielt kontinuierlich sein Gewehr auf sie gerichtet.
Sally hatte inzwischen ein neues Gerät geholt und reichte es lächelnd ihrem stählernen Sohn. Es war ein Tranchiermesser! Routiniert stülpte Tools sich ein passendes Zwischenstück über seinen Stummel und drehte darauf das Tranchiermesser fest. Als er es in Gang setzte, surrte es unheilvoll. Helens Körper war wieder angespannt! Tools trat an den Tisch heran, auf dem der tote Tim lag.
„Nein... Das kann doch jetzt nicht wahr sein... Das ist ein Alptraum. Nein... Nein...“ wimmerte Helen, denn sie ahnte schon, was sich gleich vor ihren Augen abspielen würde.
„Nein!!“ schrie sie noch mal aus Leibeskräften, als Tools seinen linken Arm auf dem Brustkorb des Toten absetzte – Und das Tranchiermesser an seinem rechten Metallarm wenige Millimeter über dem starren Gesicht der Leiche kreisen ließ, dabei Helen aus lauernden Augen anblickte.
Der Rest der verrückten Sippe lachte laut und weidete sich an der Angst der hilflosen jungen Frau. Tools kostete sein perverses Spielchen voll aus. Er wanderte mit dem Tranchiermesser in Richtung des gehäuteten Brustkorb der Leiche und setzte an. Das Messer durchbohrte das Fleisch. Gebannt sahen die anderen Familienmitglieder Tools zu, achteten im Moment nicht auf Helen.
Der tote Tim lag mit dem Kopfende zu ihr gewandt.
Jetzt oder nie! Sie griff mit beiden Händen links und rechts am Kopf des Toten vorbei an die Tischplatte und gab ordentlich Schwung. Der Tisch rollte schnell vorwärts und traf Joe, der fluchend umfiel, dabei einen Schuss von seinem Gewehr an die Decke abfeuerte und unter der Leiche begraben wurde, die durch den Aufprall vom Tisch rutschte.
Helen mußte die Überraschung zu ihren Gunsten ausnutzen!
Sie floh aus dem Wohnraum auf den dunklen Korridor. Verdammt! Wohin? Im Dunkeln sah man kaum etwas. Blindlinks griff sie nach der erstbesten Tür und riss sie auf. Nur erst mal raus aus der Sichtweite, bevor ihre Verfolger auf den Korridor traten. Hastig schloss sie die Tür hinter sich. Jetzt bemerkte sie, dass sie vor einer Treppe stand, die sie hinab führte. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sie hatte sich einen Weg in den Keller als Fluchtweg gewählt. Es gab also mehrere Wege nach unten als die Bodenluke, durch die sie letzte Nacht hinunter gezerrt wurde...
„Tools! Bring sie zur Strecke! Sie muss hier noch im Haus sein!“ hörte sie hinter sich Joes laute Stimme.
Und das Geräusch der Kreissäge ertönte wieder kurz. Eiskalt lief es Helen den Rücken herunter. Der Stählerne hatte sein Lieblingsinstrument also wieder über gestülpt und suchte das Haus nach ihr ab.
Es gab kein Zurück mehr! Sie ging schnell, aber vorsichtig, um im Halbdunkel keinen falschen Schritt zu tun, die Treppe hinab. Unten angekommen, sah sie, dass es hier einen weiteren Korridor gab. In ihrem Blickwinkel befanden sich links und rechts je zwei Türen. Konnte sie sich hier irgendwo vielleicht verstecken?
Es roch reichlich vermodert hier unten. Es kam Helen in den Sinn, dass dies hier bestimmt die reinste Gruft war. Was bewahrte diese Horror-Familie hier unten bloß alles auf?
Irgendwo hier musste ja auch dieses Verlies mit dem gefangenen Freak sein, der ihr die ganze letzte Nacht Gesellschaft geleistet hatte. Sie schüttelte sich angewidert bei der Erinnerung daran. Sie öffnete die erste Tür. Es gab ein unangenehmes Knarren, und Helen schwitzte vor Angst, ihre Verfolger würden es von oben vernehmen. Sie verzichtete darauf, die Tür hinter sich zu schließen, um ein weiteres Knarren zu vermeiden. Ihr war klar, dass es jemandem, der ihr folgte, auffallen könnte, wenn die Tür offen war, aber sie wollte vorerst verhindern, dass überhaupt jemand etwas aus dem Keller hörte. In dem Raum, in dem sie sich befand, stank es nach Fäulnis, so dass Helen sich die Hand vor den Mund halten musste, um nicht los zu kotzen. Es war stockdunkel, denn es gab kein Fenster, durch das Licht einfallen konnte.
Dafür aber doch tatsächlich einen Lichtschalter. Als sie ihn betätigte, erhellte eine von der Decke hängende Glühbirne das Zimmer. Helen zuckte erschrocken zusammen!
Sie hatte draußen auf dem Flur schon das Gefühl gehabt, sich mehr in einem Verlies als in einem Keller zu befinden, und dieses Gefühl verstärkte sich nur noch, denn sie war in einer regelrechten Leichenkammer gelandet. Skelettierte Leichen lagen überall herum. Bleiche Menschenknochen. Totenschädel. Einige von Spinnenweben überwuchert. Quiekende Ratten tummelten sich hinter morschen Rippenknochen und flüchteten vor dem plötzlichen Licht. Wenige Zentimeter vor ihrem rechten Fuß sah Helen einen Schädel am Boden liegen. Ihr wurde beinahe schwarz vor Augen...
Im kahlen Raum, in dem wirklich nichts anderes war als Gebeine, befand auch gleich eine weitere Tür, die nach nebenan führte. Dort warteten bestimmt mehr Schrecken. Oder nicht?
Helen wollte hier raus und mehr Verzweiflung als Mut trieb sie an, als sie die Tür öffnete.
Sie musste wieder einen Lichtschalter drücken, und wieder erhellte eine Glühbirne einen Raum.
Jetzt musste sie mit aller Kraft an sich halten, um nicht laut los zu schreien.
Von der Decke baumelten zwei nackte Leichen herab. Leichen, die noch gut erhalten waren. Ein Mann und eine Frau.
Der Frau fehlte allerdings der Kopf und ein Bein. Es war Beth! Und bei dem Mann handelte es sich um Greg! Jetzt hatte Helen die niederschmetternde Erkenntnis, dass sie die letzte Überlebende ihrer Universitätsclique war!
Sie sah noch eine weitere Tür. Leise schluchzend lief sie drauf zu und öffnete sie. Und jetzt befand sie sich wieder dort, wo sie die schlimmste Nacht ihres Lebens verbracht hatte.
Neben sich sah sie die Treppe, die nach oben führte, und vor sich den Käfig. Und sie hörte Schritte. Hastig griff sie nach dem Elektrostab und den Schlüssel an der Wand und überwindete sich, zum Käfig zu gehen, in dem der Affenmensch hockte und ihr freudig erregt entgegen blickte. Als er jedoch den gefürchteten Elektrostab in ihrer Hand sah, kauerte er sich ängstlich zusammen. Schnell drehte Helen den Schlüssel im Schloss der Käfigtüre.
„Na, wen haben wir denn hier? Unsere kleine Sprinterin...“ hörte Helen schon Joes Stimme hinter sich.
Als sie sich umdrehte, sah sie den Hausherrn mit gezücktem Gewehr und einer Petroleumlampe vor sich stehen. Hinter seinem der schreckliche Tools.
Keinen Schritt weiter!“ rief Helen.
Joe wollte gerade lachen, als er sah, dass Helen die Käfigtür geöffnet hatte. Sie hielt das Untier mit dem Elektrostab in Schach.
Joe gefror das Lachen auf dem Gesicht, und er versuchte auf Helen einzureden: „Mädchen, du weißt ja nicht, was du tust. Mein Sohn ist unkontrollierbar!“
Sie antwortete mit fester Stimme: „Wenn du das so gut weißt, dann nimm dich in Acht. Lass dein Gewehr fallen!“
„Schließ erst die Käfigtür wieder zu!“
Helen beobachtete den Familienvater genau. Er und sein Stahlmonster standen da und wussten nicht so recht, was sie tun sollten. Joe hatte zwar mit dem Gewehr rein theoretisch die besseren Karten, aber er befand sich in der Zwickmühle. Er wollte seinen missgebildeten Sohn nicht erschießen. Aber wenn diese Schlampe ihn aus seinem Käfig ließ, wurde es so gefährlich, dass ihm keine andere Wahl blieb. Und der Elektrostab war das einzige, was ihn in Schach halten konnte, denn seine Intelligenz reichte nicht aus, den Unterschied zwischen Elektrostab und Gewehr richtig einzuschätzen. Mit Letzterem hatte er keine unangenehmen Erfahrungen, mit Ersterem schon...
Helen fühlte sich sicher, als sie befahl: „Erst wenn du dein Gewehr zu mir wirfst...“
Das wollte Joe auf gar keinen Fall! Dann wäre auch sein letzter Trumpf ausgespielt. Jetzt musste er sich entscheiden, ob ihm sein Leben wichtiger war oder das von seinem Affensohn.
„Niemals, Schlampe...“ murmelte er mit zusammen gebissenen Zähnen.
„Nun denn...“ antwortete Helen und nickte im nächsten Moment dem Monster im Käfig zu: „Raus aus dem Käfig! Räche dich an deiner Familie für die jahrelangen Misshandlungen!“
Das Ungeheuer erhob sich aus seiner Käfigecke und stürmte sofort heraus, als es sah, dass die Frau den Elektrostab nicht mehr auf ihn, sondern ziellos nach oben gen Decke richtete.
„Nein!!“ schrie Joe noch und legte zu einem Schuss an, doch es war zu spät! Sein haariger Sohn mit den unnatürlich langen Armen prallte gegen ihn und riss ihn zu Boden. Die Petroleumlampe zerschellte am Boden, und Flammen loderten hoch. Vater und Söhne waren von Feuer umgeben. Tools wollte seinem Vater helfen und die rotierenden Sägeblätter schnitten durch die Hüfte des Affenmenschen, der laut brüllte, als er Blut verlor. Trotzdem ließ er nicht ab von seinem Vater und seine Pranken waren fest um den Hals seines Erzeugers gelegt und drückten ihm gnadenlos die Luft ab. Das Gewehr war unter den beiden Kämpfenden begraben, und die Flammen züngelten höher, hatten nun auch Tools umfangen.
Helen wusste, sie musste nun schnell sein! Die Gelegenheit schien günstig, denn die drei Verfolger waren mit sich selbst beschäftigt und standen in Flammen. Schmerzensschreie gellten durch den Keller. Der Weg zur Treppe war noch frei. Helen sprintete los!
Als sie die ersten Stufen genommen hatte, baute sich oben an der Luke Sally auf. Als sie sah, was mit ihrem Mann und den Söhnen unten passierte, stieß sie mit ihrer unangenehm schrillen Stimme einen spitzen Schrei aus. Helen bekam die kleine Frau zu packen, nahm all ihre Kraft zusammen und schleuderte sie die Kellertreppe hinunter. Dann setzt sie zu einem gewaltigen Sprung an und überschlug sich förmlich, als sie endlich die offen stehende Luke passierte. Raus aus dem Keller! Sie kam schnell wieder auf die Beine und schlug die Luke unter sich zu.
Dann bemerkte sie ein Schnappschloss an der Luke und schloss es hastig. Jetzt waren die Freaks dort unten gefangen. Rauch stieg zwischen den Bodenbrettern hoch. Helen hörte die Schreie von unten und roch die verbrannte Luft. Sie musste jetzt schnell hier raus.
Die Tochter war schließlich noch im Haus! Hoffentlich kam sie ihr nicht in die Quere!
Helen nahm die Beine in die Hand und lief den langen Korridor entlang. Sie wusste noch im Kopf die Richtung zur Haustür. Doch plötzlich trat aus einer Tür seitlich des Flures Selma heraus. In ihrer rechten Hand blitzte ein Küchenmesser. Ihr Gesichtsausdruck war diabolisch verzerrt. Helen erschrak kurz, als die Tochter der Menschenfressersippe mit einem lauten Kampfschrei auf sie zu stürmte. Geistesgegenwärtig riss sie dann jedoch den Elektrostab hoch, den sie noch immer sicher in der Rechten hielt. Selma kreischte laut, als sie gegen den Stab lief und elektrisiert wurde. Das Küchenmesser fiel zu Boden, dann sackte auch sie zusammen. Reglos lag sie vor Helen. Inzwischen wurden auch die Schreie im Keller lauter. Als Helen sich umblickte und auf die Bodenluke starrte, sah sie, dass diese sich von unten bewegte. Jemand stemmte sich gegen sie. Rauchschwaben stiegen heraus und es roch immer verbrannter. Der Keller musste total in Flammen stehen. Das Knistern war laut zu hören.
Und jetzt war auch wieder das ohrenbetäubende Getöse der Kreissäge zu vernehmen. Sie bahnte sich ihren Weg durch das splitternde Holz der Luke. Das Stahlmonster sägte sich frei!
Helen blieb fast das Herz stehen. Sie musste jetzt sofort raus aus diesem unheimlichen Haus. Sie wollte los rennen, doch Selma kam plötzlich wieder zu sich und griff nach Helens Bein. Schreiend fiel die Flüchtende zu Boden. Sie begann zu strampeln, doch ihre Angreiferin entwickelte gewaltige Kräfte. Das von Hass und Mordlust gezeichnete, psychopathische Gesicht Selmas baute sich vor dem ihren auf. Selma legte beide Hände um Helens Hals und drückte ihr die Luft ab. Es ging um jede Sekunde.
Helen tastete mit ihren Händen nach allen Seiten. Den Elektrostab fand sie nicht mehr wieder, dafür aber das Küchenmesser!
Ohne lange zu überlegen, rammte sie die Spitze des Messers in den Rücken der auf ihr liegenden Selma. Und noch mal! Und noch mal! Kreischend ließ diese von ihr ab und wälzte sich am Boden, unter ihr breitete sich eine Blutlache aus. Und in diesem Moment öffnete sich auch die von der Kreissäge zerfetzte Bodenluke und das vernarbte Gesicht und der stählerne Kiefer von Tools ragten heraus.
Jetzt musste es sein!
Helen rannte los und sprang durch eine Fensterscheibe am Ende des Flures. Die Scherben zerfetzten ihre Kleidung und rissen blutige Striemen in ihre Haut, Blut floss in Bächen über ihren Körper, als sie draußen landete. Ein Splitter hätte sie beinahe das linke Auge gekostet.
Unsanft landete sie auf dem Bauch. Schwarze Blitze tanzten vor ihren Augen, und sie musste gegen eine aufkommende Bewusstlosigkeit ankämpfen. Liegend blickte sie zitternd nach oben zum zersplitterten Fenster. Sie vernahm Schreie von innen und roch die verbrannte Luft.
Mühsam kämpfte sie sich auf die Beine. Ihre Knie fühlten sich an wie Gummi. Jetzt auf keinen Fall schlapp machen!
Die Beine waren zum Glück unverletzt, dafür steckten Scherben in ihren Armen und eine auch in ihrer linken Wange. Sie schlug sich die Scherben herunter, dabei spürte sie stechende Schmerzen und weitere dünne Rinnsale von Blut fielen an ihr herab.
Entsetzt sah sie, wie sich das bösartige Gesicht von Selma im Fensterrahmen aufbaute. Neben ihrem animalisch verzerrten Antlitz blitzte die Klinge eines Küchenmessers auf. Blonde Strähnen hingen ihr wild vorm Gesicht und ihre Lippen formten ein Grinsen...
Jetzt sprintete Helen wieder los. Mit dem Mut der Verzweiflung. Die Todesangst verlieh ihr neue Energie. Sie hatte förmlich das Gefühl, über dem Boden zu schweben. Sie wagte nicht mehr, sich um zu drehen. Immer tiefer rannte sie in den Wald hinein. Fort, fort, nur fort von hier. Weit weg!

Knapp drei Stunden später:
Ein 76er Mercury Cougar fuhr die Straße entlang. Zwei Männer um die 40 saßen auf den Vordersitzen des Coupes.
„He Jack...“ sagte der Beifahrer plötzlich und tippte mit dem Ellenbogen den Fahrer an, als er weiter sprach: „Guck mal da vorn. Da liegt doch jemand.“
Auch der Fahrer sah den reglosen Körper am Straßenrand liegen. Er trat auf die Bremse. Die beiden Männer warfen sich ratlose Blicke zu. Dann stiegen sie aus. Vor ihnen lag eine reglose, von der Erschöpfung gezeichnete Helen.
Der Fahrer fragte den Beifahrer: „Meinst du, die ist tot?“
Plötzlich hob Helen den Kopf. Sie zitterte jetzt wieder am ganzen Leib. Weiß wie eine Wand war ihre Haut. Die Haare hingen wild und schmutzig in ihrem Gesicht und unterstrichen den verwilderten Eindruck. Ihre Augen, mit denen sie die verdutzten Männer musterte, waren von Tränen verklebt. Jeglicher Glanz in ihnen war erloschen. Leise begann sie zu kichern. Ihr Kichern wurde immer lauter. Dann steigerte sie sich in einen hysterischen Lachkrampf hinein. Der Wahnsinn stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Keine Frage, die Ereignisse der letzten Stunden hatten ihren Verstand umnachtet und ihre Seele zerstört.

ENDE

p/c März 2011
Marc Gore
 
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