"Realität"... Was ist diese Realität? Woher kommt sie? Brauchen wir diese Realität oder braucht sie vielleicht eher uns?Eine Sache die mir immer wieder bei der Kommunikation mit Menschen aufgefallen ist, ist die intensive und grundlegende Betonung eines Begriffs,
dem so viel Bedeutung beigemessen wird, wie keinem zweiten Begriff:
die Realität. Äußert man einen interessanten, aber abstrakten Gedanken wird
die Kommunikation über diesen Gedanken meist mit dem Hinweis
„realistisch zu bleiben“ oder
„in der Realität zu bleiben“ beendet. Das ist insofern
schade, da der Bezug der Menschen zu dieser Realität neue Gedanken und Ideen bereits abwehrt oder abwertet, bevor man sich mit diesen überhaupt
näher beschäftigen kann. Die Realität scheint das Leben vieler Menschen in vielerlei Hinsicht zu bestimmen.
Wo aber bleibt dabei die gedankliche Freiheit, die oft so marktschreierisch verwendet wird? Man ahnt es schon...
An dieser Stelle muss ich allerdings darauf hinweisen, dass es sich bei der Realität, von der ich rede, nicht um die verschiedenen Betrachtungsweisen
handelt, die wir alle durch unser Wissen und unsere Erfahrungen einnehmen. Ich meine jene Realität, die sich anscheinend vor uns ausbreitet, wenn
wir die weltlichen Augen öffnen. Ich meine jene Realität, auf die wir uns alle still und heimlich vereinbart haben – ohne dass wir je nach einer
Zustimmung gefragt wurden.
Die Realität scheint wie ein weltlicher und geistiger Käfig zugleich. Wir alle werden von Beginn unseres Lebens an gelehrt Ihn nicht wahr zu nehmen.
Mit dem Zeitpunkt unserer Geburt werden wir in diesen Käfig geworfen und noch bevor wir dazu in der Lage sind die Realität als das zu erfahren, was
sie eigentlich ist –
eine Übereinstimmung von mindestens zwei denkfähigen Wesen über das Wahrsein dessen, was wahrgenommenen wird – werden
wir, vermittelt durch unsere Umwelt von der Realität vereinnahmt. Wenn wir diese Welt, in der wir alle im Moment leben, betreten, dann betreten wir
sie unvoreingenommen und ohne jede Vorstellung davon. Diese Welt sagt uns dann aber auch, was wahr und was falsch ist und wir glauben ihr in unserem Unwissen. Es ist aber nicht die Welt an sich, die uns über das Wahr- und Falschsein aufklärt; es sind Menschen (die im Namen der Welt sprechen)...
Doch was von Menschen geschaffen wurde, kann nie objektiv wahr sein.
So, wie eine Meinung immer subjektiv gefärbt ist, so ist das von Menschen Geschaffene ebenfalls immer subjektiv gefärbt. Die Wahrheit an sich
ist aber immer objektiv. Demnach kann eine von Menschen geschaffene Welt niemals wirklich/objektiv wahr sein. Die Wahrheit, die hinter dem
Luftschloss namens Realität liegt, ist bitter und nur wenige können sie ertragen. Man wird sich wünschen nie herausgefunden zu haben, was unsere
als real bezeichnete Welt eigentlich ist:
ein Ausdruck des menschlichen "Wahn-Sinns".
(Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film
Matrix, in dem der Charakter Cypher [Cipher = Null, Unbedeutend] die Menschen
an die Maschinen verrät, nurum wieder an die maschinell projizierte Welt, die Matrix, angeschlossen zu werden).
Eine Frage bleibt dabei aber noch offen: Befreit uns die Tatsache, dass Realität ein Produkt unserer Phantasie ist, von derselben. Kommen man ohne
sie aus? Die Antwort lautet unglücklicherweise Nein. Warum aber hält sich der Mensch so vehement an seiner fiktiven Welt fest?
Die Antwort auf diese Frage bieten die beiden Wissenssoziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann. Der Mensch muss sich, als ein soziales Wesen
eine eigene Welt (Sub-Sinnwelt) schaffen, um überleben zu können. Der Mensch ist im Gegensatz zu den anderen Tierarten unspezialisiert, d.h. seine
Triebe sind unausgerichtet und zu Gunsten seiner sozialen Natur nur wenig stark ausgeprägt. Wo ein Tiger einfach ein Tiger ist, weil er sich wie ein Tiger verhält, fehlt dem Menschen ein solcher Hintergrund – ein einzelner Mensch kann nicht als Mensch kategorisiert werden, weil ein Mensch an sich kein artspezifisches Verhalten an den Tag legt. Menschliches Verhalten an sich entsteht erst, wenn es durch das Zusammenleben in einer Gruppe verwirklicht wird.
Dieses unausgerichtete Verhalten bezeichnet man als „
Weltoffenheit“. Die eigentliche Leistung von Berger und Luckmann liegt darin offengelegt zu
haben, wie diese Weltoffenheit in eine sogenannte
relative Weltgeschlossenheit transponiert wird. Das geschieht durch den dreistufigen Vorgang
der Externalisierung, der Objektivation, und der Internalisierung (kann man
hier nachlesen). Um es auf den Punkt zu bringen, versucht der Mensch diese
gähnende Leere, die sein Wesen darstellt, mit Sinn und Bedeutung zu füllen. Demnach könnte man sagen, dass der Mensch diesen Wahnsinn, den er als Realität bezeichnet, eben so sehr braucht, wie die Realität den Menschen für ihre Wirksamkeit benötigt.
Fassen wir zusammen: der Mensch ist ein Wesen ohne Bestimmung, das sich die Bedeutungslosigkeit seiner Existenz mit einer eigens geschaffenen Welt zu überbrücken versucht. Diese Welt ist fiktiv aber notwendig, um dem Menschen eine Zuflucht zu bieten, die ihm die Außenwelt ansonsten verwehren würde. Ergo ist der Mensch (und sein Menschsein) ein Produkt seiner eigenen Phantasie.
„Der Mensch ist biologisch bestimmt, eine Welt zu konstruieren und mit anderen zu bewohnen. Diese Welt wird ihm zur dominierenden und definitiven Wirklichkeit. Ihre Grenzen sind von der Natur gesetzt. Hat er sie jedoch erst einmal konstruiert, so wirkt sie zurück auf die Natur. In der Dialektik zwischen Natur und gesellschaftlich konstruierter Welt wird noch der menschliche Organismus umgemodelt. In dieser Dialektik produziert der Mensch Wirklichkeit - und sich selbst.“
(Berger/Luckmann)Was haltet ihr davon? Eigene Ideen oder ein weiterführender Gedanke?