von Azazel » 24. Nov 2011 12:56
Hab beim ausmisten einen interessanten Text gefunden:
"Der Hexenkult ist die europäische Variante des Schamanismus." (Lotan Frantz)
Während der Steinzeit gab es ein matriarchales System, in welchem Frauen auch Priesterinnen waren. Es wurden die Große Göttin (sehe Statuette der Venus von Willendorff) und der Gehörnte Gott (Siehe Felszeichneungen von Altamira und Lascaux) verehrt.
Spätsteinzeitliche Funde wie die aus Catal Hüyük zeigen ebenfalls matriarchale Religiosität.
Während die Völker sich auseinander entwickelten und sich den einzelnen Umgebungen anpaßten, begannen auch die Ausprägungen des Schamanismus sich zu verändern. Ein Indio im Regenwald von Peru hat nun mal andere Prioritäten als eine Schamanin in der Eiswüste Jakutiens.
Ungefähr zur Bronzezeit begannen die Tempelreligionen, gleichzeitig mit der Bildung von Ballungszentren in Form von Städten zu entstehen. Tempelreligionen sind Religionen der Städte, Naturreligionen jedoch Religionen der Natur und des Landes.
Dennoch waren auch die ersten Tempelkulte matriarchal, siehe der Kult um Inanna (bei Völkern der Umgebung Babylons auch als Astarte, Ishtar, Aschera verehrt).
Dann begann sich eine männliche Priesterkaste zu entwickeln. Deren Einfluß gewann auch durch den Einfall der Indoeuropäer in Europa an Einfluß. Dennoch existierten weiterhin die Kulte der Göttin und der Priesterinnen, die gleichzeitig oft Hebammen waren. Noch heute heißen Hebammen in Frankreich "Les sages femmes", die weisen Frauen.
Mit der Zeit machten sich patriarchale kulte breit, das Klima schwankte, und mit den Schwankungen und neuen Einflüssen von außen veränderte sich auch der Kult der Göttin, der nun nicht mehr so eindeutig schamanistisch war, aber viele Elemente bewahrt hatte.
Die Götterpaare waren weiterhin verbreitet: Ishtar und Shamash, Belit und Adonis, Tanit und Sabazios, etc. etc.
Manche Leute glauben auch, in der EDDA die Verdrängung einer matriarchalen Religion bzw. eines matriarchalen Pantheons (Göttnnenwelt) durch eine patriarchale herauszulesen, weil die Wanen nicht mehr die Bedeutung hatten, wie die Asen.
Dann kam die Antike. Das Eisen war erfunden, und in dem Maße, wie die Menschheit zunahm und sich gegenseitig auf die Füße trat, kam es zu Krieg und Verwüstung. Das Patriarchat, besonders ausgeprägt in den Kriegerkasten, nahm zu. Die Frau hatte immer weniger zu sagen und wurde in einigen Gebieten an Heim und Herd verbannt.
Dennoch gab es auch gegenläufige Entwicklungen, siehe Lysistrata, welche die Männer zum Frieden zwang, indem die Frauen in den sexuellen Streik traten. Vernünftige Frau.
Auch gab es eine matrifocale Renaissance, als der Dionysoskult von Kleinasien kommend, nicht nur den guten Vino n Europa einführte, sondern auch die Frauen wieder gleichberechtigt an den Kulten beteiligte. Das gab einen ziemlichen Krawall damals in Griechenland. Die Kultisten waren in ihrer Auffassung von Kult und Sexualität für die damalige verkrustete Gesellschaft ungefähr so "shocking", wie es Bhagwan in den Achtzigern war. Allerdings fuhr die Priesterschaft des Dionysos keine Rolls Royce Wagen, sondern begnügte sich mit Eseln oder im höchsten Fall mit einer Kutsche.
Dionysos war es übrigens auch, der die so schmählich von Theseus, dem Chauvi, verlassene Ariadne, von der Insel Naxos holte.
Die Dionysos-Priester trugen übrigens Frauenkleidung. Natürlich gab es aber auch Priesterinnen.
Zurück zum Thema. Die Frauen hatten an Macht verloren. Schlimm wurde es allerdings erst mit dem Beginn des Christentums. Zwar gab es eine kurzzeitige, gern verschwiegene Form, in der auch Frauen Priesterinnen sein durften und absolute Gleichberchtigung (nebst freier Partnerwahl und Tolerierung von Homo- und Bisexualität) existierte, aber die wurde durch einen impotenten Zeltmacher namens Paulus und durch seine Nachfolger unterdrückt und verfolgt.
Was dann während der Ausbreitung des Christentums passierte, brauche ich nicht näher auszuführen, da ich es als bekannt voraussetze.
Im Untergrund jedoch existierte der Hexenkult, die Urreligion der Großen Göttin, weiter, wenn auch viel Wissen verloren ging. Altes Wissen aber wurde in Form von Märchen, Sagen, Kinderreimen und Kinderliedern verschlüsselt weitergegeben, manchmal gelang es der Göttin auch, in anderer Form weiter verehrt zu werden.
So wurde Brigid, die keltische Göttin der Schmiedekunst, der Poesie und der Heilung, zu Saint Brigid. In Südamerika wurde manche lokale Gottheit zur "Virgen de las Aguas" oder zur Jungfrau von Sowieso.
Blenden wir um in die Neuzeit: Nach den Massenmorden durch die Kirchen war wenig übrig. Da trat ein gewisser Gerald Gardner 1951 in Großbritannien an die Öffentlichkeit. Er war von einer Hexe namens Dorothy Clutterbuck initiiert worden und brachte ein Buch heraus, das Details von sich gab, über den Hexenkult. Es hieß "Witchcraft today" (Hexentum heute). Schon zuvor hatte Margot Adler, eine Anthropologin, behauptet, daß es eine Art Hexenkult immer gegeben habe, von der Steinzeit bis in die Gegenwart.
Der Kult um Mr Gardner trat an die Öffentlichkeit, als der Witchcraft Act, der Hexerei unter Strafe stellte, außer Kraft gesetzt worden war.
Er nannte sich "Wicca", von altengl. "wicce", weise.
Nun begann eine hexische Renaissance, die erst in Großbritannien viele anhänger fand, wobei auch viel altes Wissen wieder hervorgeholt wurde, schwappte über nach Nordamerika, wo das Hexentum sich mit der bunten Vielfalt der Urreligionen der dort lebenden Leute vermischte (teilweise also auch mit Elementen der Überlieferungen der amerikanischen Ureinwohner, mit Elementen der schwarzen Bevölkerung und mit dem alten Wissen der weißen Familien, sowie asiatischen Elementen). Danach trat Starhawk ins Rampenlicht, welche mit Raymond Buckland zusammen, eine der bekanntesten Hexen überhaupt ist. Natürlich gab es auch noch andere, aber ich will hier kein Buch schreiben.
Starhawks Werke, darunter "The Spiral Dance", auf Deutsch"Der Hexenkult als Urreligion der Großen Göttin", schlug in Europa ein und ist heute das meistegelesenste Buch über das Thema, und ich möchte behaupten, auf dem deutschen Buchmarkt das BESTE.
Worum geht es im Hexenkult? Erst einmal muß man die traditionellen Linien unterscheiden. Es gibt einerseits die Wicca, andererseits diejenigen, welche sich auf andere quellen berufen. Es gibt da auch z. B. die feministischen Dianics und die undogmatischen "Eclectics", die Auswählenden oder auf Deutsch "Freifliegenden", welche teilweise überlappen mit den von Starhawk her kommenden Reclaimern (Zurückfordernden).
Sehr grob gesagt (und stark vereinfachend, dies sei angemerkt, damit mir nicht der eine oder die andere aufs Dach steigt), habe ich bei Hexen bisher folgende Gemeinsamkeiten feststellen können:
1. Der Glaube an ein Großes Göttliches, das sich manifestiert in der Göttin und ihren Geliebten.
2. Der Glaube an die Beseeltheit aller Dinge und daraus resultierend ökologisches Denken und Übernahme von Verantwortung für die Natur und Umwelt.
3. Der Glaube, daß das Göttliche in allen Dingen zu finden sei.
4. Der Glaube, daß die vielen Göttinnen und Götter der alten Zeit lediglich Facetten des göttlichen Paares sind. Daher rufen viele Hexen z. B. Aradia, Diana, Hekate usw. an.- Da diese Annahme auch für die heutigen polytheistischen (Kulte mit mehr als einem Gott) Religionen gilt, können bei Ritualen halt auch Kali oder White Buffalo Woman angerufen werden.
5. Hexen ist gemeinsam, daß sie an Magie glauben und diese praktizieren, d. h. die unsichtbare Wirklichkeit beeinflussen (Realität ändern oder erschaffen - das ist jetzt eine philosophische Frage), um Auswirkungen in der realen Welt zu erzeugen. Heilungszauber, Liebeszauber, Segen, Erfolgszauber, Erdheilungszauber etc. pp.
6. Hexen ist auch gemeinsam, daß sie Verantwortung für ihr Tun übernehmen nach dem Motto: "Was du tust, kommt dreifach zurück" und "Schade niemandem und tu, was du willst", was ich persönlich interpretiere als "Schade niemandem und sieh zu, daß du so handelst, daß es dich weiterbringt".
7. Hexen überdenken ihr Tun, bevor sie handeln, um Schaden zu vermeiden und gute Ergebnisse zu bekommen.
Zum Begriff des Schamanismus: Dem Schamanismus sind verschiedene Aspekte gemeinsam, die ihn von den meisten Formen des Hexentums (es gibt aber, und ich betone das hiermit ausdrücklich, auch Mischformen, womit das Hexentum wieder zum Ursprung zurückfindet) unterscheidet:
1. Das Reisen in die Unter-, Mittel- und Oberwelt;
2. Der rituelle Umgang mit Ahninnen und Ahnen;
3. Der generelle stark ausgeprägte Umgang mit der Geisterwelt;
4. Der Umgang mit Totems im Sinne von Krafttieren (vereinfacht gesagt).