von Daimao_Koopa » 10. Sep 2011 16:22
Wie ich es versprochen habe, ist hier eine meiner Geschichten.
Was die Geschichte aussagen soll, das soll jeder für sich selbst herausfinden.
Kritik und Anregungen sind durchaus erwünscht!
In unserer Welt gibt es viele wundersame Dinge und noch viel mehr schwerwiegendes Wissen. Was ein jeder von uns zu wissen verlangt,
entscheidet er für sich selbst. Traurigerweise gibt es aber auch einige unter uns, die danach verlangen bestimmen zu können, was gewusst
werden darf und was nicht. Jene, denen man das Wissen und ihr Verlangen danach entzieht, laufen Gefahr sich in den Gedanken von anderen
zu verlaufen. Doch das Verlangen nach mehr ist zu groß, als dass man es in Ketten legen könnte. Manch einer, der sich dazu entscheidet den
rechten Weg zu verlassen, findet zurück zu etwas, das er niemals besaß, aber auch niemals verloren hatte. Dieses etwas treibt jene, die von
den Toten auferstanden sind, dazu sich für einen neuen Weg zu entscheiden.
Unglücklicherweise überwiegt das „Verlangen nach mehr“, das „Verlangen wonach“ und der Mensch, der so viel
von seinem Leben nachzuholen sucht, verirrt sich wiederum – im dunklen, tiefen Wald, der sich Wissen nennt.
Cyrus war solch ein Verirrter – ein Gelehrter der den Glauben an andere zugunsten des Glaubens an sich selbst aufgegeben hat.
Sein Durst nach Wissen war im Laufe seiner Zeit als Magister für Astronomie so groß geworden, dass ihm die Bücher in seinem
Regal nicht mehr genug waren.
"Was nützt einem das Wissen über den Ursprung aller Sterne, wenn man noch nicht einmal die Natur des eigenen Herzens ergründen kann?"
So begab er sich zur Bücherei seiner Universität und nahm ein Buch zur Hand, dessen Inhalt nichts mit Astronomie, Physik, und
dergleichen zu tun hatte – ein Buch voller Gedichte. Cyrus, der gelehrte Narr, übersah in seinem durch Logik erstarrten Geist, dass
es sich um einen Band voll Formeln zur Beschwörung von allerlei Wesen handelte. Cyrus versank mit seinen Gedanken völlig in den
Seiten des Buches und saugte Wort um Wort dieser, für ihn neuen Art Texte zu lesen, auf. Eines der Gedichte faszinierte ihn aber
auf eine ganz besondere Weise, sodass er es in Gedanken laut mitlesen musste. Der Name des Gedichtes lautete: der Freund im Inneren.
Als Cyrus es las, schien es so, als würden die Worte auf dem Papier direkt zu ihm sprechen.
„Dein Zorn erregt mich,
erfüllt mich mit Verlangen
und Heiterkeit.
Komm schon, Priester,
zerkratze mein Gesicht mit deinen Nägeln,
zerstoße und zerreiße meine Haut!
Wenn du mich so sehr hasst wie du es sagst,
dann nimm mir meine Augen
und reiß mein Haar heraus!
Verbrenne sie in deinem Feuer!
Zeig mir deine Leidenschaft,
Priester.
Zeig mir, dass du Angst kennst.
Ich kenne jede deiner Ängste,
denn du stellst keinen Gegner für mich dar.
Sogar in diesem Zustand stößt sich dein
schwächlicher Geist noch an den Kanten
meines deines Meisters.“
Doch kaum hatte er die letzte Zeile des Gedichtes beendet, fiel Cyrus innerhalb von Sekunden in einen tiefen Schlaf.
Im Traum sah er von weitem eine finstere, menschliche Gestalt auf ihn zukommen. Er bemühte sich die schemenhafte
Gestalt zu erkennen, doch es gelang ihm einfach nicht – zu verschwommen war sein Blick und die Gestalt zu weit entfernt.
Plötzlich nahm Cyrus ein Flüstern wahr. Das Flüstern wurde immer lauter und lauter, je näher die Schattengestalt herankam.
Als sie dann endlich direkt vor ihm stand, traute Cyrus seinen Augen nicht; das Wesen sah aus wie die Silhouette eines
Menschen, nur dass es in tiefste Dunkelheit getaucht war, wie ein Schatten an der Wand einer Mauer. Wie aus dem Nichts
entwuchsen dem Haupt der Gestalt zwei Paar gewaltige Hörner, ähnlich denen eines Stieres.
„Ich bin der Gehörnte – der Gesandte des Abgrunds und der Rächer sterblicher Herzen.“
sprach die schattenhafte Gestalt, und ohne jede Vorwarnung öffneten sich zwei kalte, grausame Augen auf dem Haupt des
Wesens, die in einer unmenschlichen Leidenschaft brannten. Als Cyrus diesem grässlichen Blick ausgesetzt wurde, verlor er das Bewusstsein.
Am nächsten Tag war Cyrus, der Gelehrte, aus der Stadt verschwunden. Auch seine Freunde von der Akademie konnten ihn nirgendwo auffinden.
Als der Bibliothekar der Stadtbücherei, Heinrich war sein Name, bei seinem täglichen Rundgang durch die Gänge der Abteile war, fand er einen
Brief, der auf einem staubigen Gedichtband lag. Der alte Heinrich arbeitete schon viele Jahre in der Bücherei und wusste daher, dass es besser
ist manche Dinge nicht zu wissen. Das Buch legte er, ohne es anzusehen, in das Regal zurück. Den Brief aber konnte er nicht weglegen, ohne in
Erfahrung zu bringen, welcher Chaot seine gelesenen Bücher nicht wieder in das Regal zurückstellt.
„Eine Entschuldigung? Die kommt leider zu spät, mein Freund.“ In dem Brief aber stand:
Ich habe ihn gesehen – den Gehörnten – in meinen Träumen und im Wachen. Auch er kann mich sehen, obwohl ich nicht weiß wie er es kann.
Ich schließe meine Augen und er wartet dort auf mich; erwidert starrend meinen Blick; sein boshaftes Grinsen, das mein Herz zu durchbohren
scheint, und jede Faser meines Geistes in einem Inferno entfacht; sein grausames Lachen, das mein Herz erkalten lässt – es ist kaum auszuhalten.
Ist er ein Krieger aus den infernalischen Welten? Ist er mehr als das? Etwas Schrecklicheres? Ein Auserwählter vielleicht? Ein Zauberer?
Oder noch schlimmer? Ein Dämon oder ein Dämonengott? Ein mächtiges Wesen mit Sicherheit, denn er manipuliert meine Gedanken;
er zieht mich zu ihm hin, wenn die nächtlichen Schatten die Erde verschlingen und mein Verstand spürbar in das Reich der Träume und
Albträume wandert.
Er flüstert unaufhörlich zu mir, und sagt mir, er habe mich auserwählt: dass ich ihm gehöre. Seine Worte klingen leidenschaftlich und
kraftvoll, wie die eines verärgerten Verehrers oder eines rachsüchtigen Liebhabers.
Ich wütete gegen seine Präsenz in meinem Verstand, schrie er solle doch verschwinden, und zerkratzte mein Gesicht, als wäre es das Seine.
Doch er bleibt an meiner Seite, immer spottend, immer lachend; Er verspottet mich, als wäre ich eine fallen gelassene, außereheliche
Geliebte, und die Worte, die er zu mir spricht, sind identisch mit denen, die ich am Tag zuvor in jenem Gedicht las!
„Dein Zorn erregt mich,
erfüllt mich mit Verlangen
und Heiterkeit.
Komm schon, Priester,
zerkratze mein Gesicht mit deinen Nägeln,
zerstoße und zerreiße meine Haut!
Wenn du mich so sehr hasst wie du es sagst,
dann nimm mir meine Augen
und reiß mein Haar heraus!
Verbrenne sie in deinem Feuer!
Zeig mir deine Leidenschaft,
Priester.
Zeig mir, dass du Angst kennst.
Ich kenne jede deiner Ängste,
denn du stellst keinen Gegner für mich dar.
Sogar in diesem Zustand stößt sich dein
schwächlicher Geist noch an den Kanten
meines deines Meisters.“
Ich verschließe meine Ohren, doch seine Stimme hämmert weiter in meinem Schädel.Wer ist dieses Wesen?
Ein Traum? Ein Albtraum? Ein Freund? Ein Feind? Ein Verwandter? Mein Spiegelbild? Unmöglich! Oder doch nicht?
Ich wandle auf derselben Straße des Wahnsinns, vor denen mich mein guter Freund, Alberich, gewarnt hatte. Doch die Tatsache
Sie zu erkennen hilft mir nicht sie zu verlassen. Vielleicht bin ich ja schon wahnsinnig! Warum denn sonst würde ich all die Dinge
sehen, die ich sehe und all die Dinge hören, die ich höre? Heiliger Vater im Himmel! Hilf mir, ich flehe dich an!
Und so kam es, dass ein weiterer Suchender fand, was er suchte ohne zu wissen, was er suchte. Die Götter helfen nur denen, die
in der Lage sind sich selbst zu helfen. Der alte Heinrich runzelte seine Stirn und zog eine Augenbraue hoch.
„Dämonen? Pfnäh! Was für ein Idiot.“ grummelte der Alte, warf den Brief in einen Mülleimer,
und setzte seinen Weg fort, um noch andere, achtlos liegen gelassene Bücher wieder in die Regale einzuordnen.
